Praxisbeispiel Mittelspielstrategie
ZURÜCK

von Herbert Bieber (herbert.bieber@chello.at) und Dietmar Helbig ( d.helbig@chello.at)
 

Dieses Praxisbeispiel ist aus einer realen Partie aus der Vorrunde der diesjährigen Weltmeisterschaft WM2002 entnommen. Zur klareren Abgrenzung wurden gegenüber der tatsächlichen Partie geringfügige Änderungen in den Beziehungen und diplomatischen Gegebenheiten vorgenommen.

Das Beispiel ist als Test aufgebaut – es soll dazu dienen, sich mit der Stellung zu beschäftigen und seine eigenen Überlegungen mit jenen zu vergleichen, die wir als ideal ansehen. Es geht uns dabei weniger um eine konkrete Zugfolge sondern in erster Linie um die Herleitung eines strategischen Vorgehens. Insgesamt empfehlen wir, sich dafür zumindest 3 Stunden Zeit zu nehmen.

Unsere primäre Zielgruppe sollen vor allem neue oder noch weniger erfahrene Spieler sein, um Ihnen einen Einblick zu geben, nach welchen Prinzipien und Denkmustern eine eigene Mittelspielstrategie abgeleitet werden könnte. Wir sind uns jedoch sicher, daß durchaus auch erfahrene Spieler an dieser Studie Interesse finden werden und freuen uns auch auf deren Feedback.

Betonen möchten wir, daß die von uns in der Folge vorgestellte Vorgehensweise nicht die einzig zielführende oder überhaupt zwingend zielführende Strategie für die besprochene Stellung sein muß. Eine in sich schlüssige Strategie allein ist nicht unbedingt ein Garant für einen Erfolg. Gerade im Diplomacy sind auch genauso emotionale Aspekte oder schlicht Irrationalitäten und Fehleinschätzungen wesentliche Einflußfaktoren.


1. Die Stellung


2. Ausgangsbedingungen

Sie führen in vorliegender Position das Schicksal Italiens. Das aktuelle Jahr ist Sommer 1903. Es handelt sich um ein Turnierspiel bis W 1909. Es gibt also noch 13 verbleibende Zugrunden. Aufgrund des Turnierreglements ist davon auszugehen, daß man als 1. oder 2. sicher aufsteigt, als 3. gute Chancen auf ein Weiterkommen hat – ein Einzelsieg eines Spielers muß aber unbedingt verhindert werden. Zu berücksichtigen ist, daß Rückzüge sowie Auf- und Abbauten vom Spielzug getrennt mit eigener Verhandlungsrunde abgegeben werden.

2.1 Historische und sonstige Vorbedingungen Italiens gegenüber anderen Nationen

Frankreich
Nach anfänglichen Versuchen seitens Italien, einen Angriff gegen Frankreich vorzubereiten sowie einigen Konfrontationen im Bereich des westlichen Mittelmeer-Raumes konnte mittlerweile nach dem Rückzug aus dem französischen Hoheitsgebiet eine deutliche Entspannung und ein vorsichtig neutrales Gesprächsklima erreicht werden. F hat bislang weder mit D noch mit E wesentliche Kooperation oder Konflikte gehabt. Zuletzt hat F aber deutliche Tendenzen gegen E gezeigt, zumal zuletzt auch D beim Gegenangriff auf HOL unterstützt wurde. F hat sich bisher durchaus als kompetenter und geradliniger Spieler mit Übersicht und Zielstrebigkeit erwiesen.

Österreich
Mit Ö bestand von Anfang an eine enge Kooperation. Die gegenseitige Vertrauensbasis ist relativ hoch. Beide Parteien hätten bereits Möglichkeiten zu Stabs gegen den anderen gehabt. Ein Anfangs geplantes gemeinsames Vorgehen im Dreibund Ö/I/T wurde seitens Ö durch einen Überfall auf das osmanische BUL gebrochen, was das Verhandlungsklima etwas getrübt hat, da es auch auf das gemeinsame Vorgehen I/Ö im westlichen Mittelmeer negative Auswirkungen hatte. Die Beziehungen zu I sind durch die Flotte in ADR zuletzt stark belastet, aber keineswegs abgebrochen. Ö hat sich bislang als äußerst kommunikationsstarker, ausgezeichneter Stratege mit Weitblick erwiesen.

Rußland
R hatte bereits in der Anfangsphase große Probleme mit osmanischen und englischen Angriffen im Süden und Norden. Auch das Verhältnis Rußlands zu Ö ist nicht das Beste, wogegen jenes zu I exzellent ist. R ist eher als Spieler einzuschätzen, der wenig Zeit zur Verfügung hat und sich daher mit den richtigen Argumenten relativ leicht führen läßt und einer gut präsentierten Idee zu folgen nicht abgeneigt ist.

England
Bei der früheren Auseinandersetzung zwischen I und F hätte E durchaus die Möglichkeit gehabt, in den französischen Rücken einzufallen und damit sowohl sich selbst als auch I Vorteile zu verschaffen. Daß dies nicht passiert ist, zeigt zumindest, daß keine ausgesprochen italophile Haltung bei E vorliegt. Dementsprechend konnte bisher auch nie eine wirklich vertrauenswürdige Gesprächsbasis aufgebaut werden. E hatte zuletzt das deutsche HOL erobert, mußte nun aber einen deutschen Gegenschlag in HOL und NWY hinnehmen, der noch dazu von F durch Unterstützung mitgetragen wurde. E hat sich insgesamt eher als kommunikationsschwach erwiesen, was am gesamten Brett mit wenig Sympathie quittiert wird. Dementsprechend hatte E bislang auch keinerlei explizite Kooperationen mit anderen Nationen.

Deutschland
Zu D besteht ein neutrales und mäßig kommunikatives Verhältnis. Über den Austausch von Statusinformation ging die Beziehung bislang kaum hinaus. D hat mit dem Gegenangriff auf HOL und NWY nun erstmals auch eine Kooperation zu F erkennen lassen.

Osmanien
hatte von Anfang an eine gute Vertrauensbasis zu I, die durch den österreichischen Angriff auf BUL eher gefestigt wurde. T ist auch dringend auf Partnersuche in allen Richtungen. Mittlerweile besteht ja potentielles Konfliktpotential sowohl mit R rund um SEV als auch Ö rund um BUL.

2.2 Konkrete Angebote / Abmachungen zwischen Italien und den anderen Nationen

Frankreich
DMZ ist vereinbart für WES, NAF, GOL und PIED.

Österreich
Allgemeiner Nichtangriffspakt – explizit vereinbart für die Achse TRI-VEN. Als Reaktion auf die italienische Flotte ADR hat Ö angekündigt, TRI jedenfalls doppelt zu decken und sich im Falle eines italienischen Angriffs gegen Ö primär in diese Richtung zu verteidigen. Ö weiß um seinen problematischen diplomatischen Status gegenüber R und T und es ist davon auszugehen, daß Ö ein eventuelles gemeinsames Vorgehen von I, R und T voraussieht.

Rußland
Ein Angebot auf Unterstützung SEV-RUM liegt sowohl I als auch T vor, wenn im Gegenzug MOS-SEV zugelassen wird.

Osmanien
Angebot auf Dreibund R/I/T gegen Ö und Räumung von SEV für R als Tausch gegen RUM. Als konkreter Zugvorschlag wurde eingebracht:

Region und Plan Rußland Osmanien Italien
VZ-Tausch SEV/RUM und
Angriff auf Ö
MOS-SEV
UKR S SEV-RUM
SEV-RUM
BLA S Sev-RUM
VEN-TRI
ADR S VEN-TRI
ION-GRE


3. Fragestellungen

3.1 Kriterien für die Lageeinschätzung einer Nation

Wesentlich für die Lageeinschätzung ist nicht allein die Anzahl der VZ, sondern vielmehr die Aussichten, die sich unter Zugrundelegung der Stellung und der Vor- und Rahmenbedingungen ergeben. Hier eine Punkteskala zur Hilfe bei der Bewertung:

9 steht auf Gewinn, aufgrund der Gegebenheiten ist nicht anzunehmen, daß der Alleinsieg verhindert werden kann
8 steht ausgezeichnet und hat die Führungsrolle am Brett; durchaus Chancen, einen Sieg/Solosieg einzufahren
7 steht gut, gehört gemeinsam mit ein oder zwei anderen zur Führungsgruppe
6 stabile Stellung mit mehr Stärken als Schwächen, Offensivpotential überwiegt potentielle Anfälligkeiten
5 neutrale oder ausgewogene Position, Chancen und Risken sind etwa gleich einzustufen
4 recht ausgewogene Stellung – nicht unbedingt schlecht, aber durch verschiedene Positionierungsumstände anfällig
3 gedrückte Stellung, kann aber aus eigener Kraft bzw. gemeinsam mit offensichtlichen Partnern einige Zeit standhalten, um Verhandlungspartner zur Hilfe zu überreden oder taktische Entwicklungen abzuwarten
2 schlechte Ausgangslage, braucht dringend Partner, um das Überleben sichern zu können
1 steht auf verlorenem Posten

3.2 Vorgehen

Versuchen Sie die oben angeführten Fragestellungen selbständig zu bewerten. Machen Sie zu Ihren Überlegungen Notizen, um Sie nachher mit der Auswertung vergleichen zu können.

Die Beurteilung der einzelnen Nationen sollte jeweils nach a) Bewertung der Lage entsprechend dem angeführten Schema und b) strategischem Plan erfolgen. Für die Beurteilung Italiens kommt auch noch das c) diplomatische Vorgehen und die d) konkrete Zugvorstellung hinzu.

4. Auswertung und Ergebnisse

4.1 Lageeinschätzung und strategische Positionierung der Nationen

Frankreich:

Osmanien:

Österreich:

Rußland:

Deutschland:

England:

4.2 Basissituation mit Italien: Lage / strategischer Plan / konkrete Zugvorstellungen

4.2.1 Lageeinschätzung für Italien

Bewertung: 5 Gegen I besteht zur Zeit eigentlich an keiner Front reales Bedrohungspotential. Alle Nachbarn sind zudem in andere Engagements verstrickt. Der zentrale Mittelmeerraum wird mit eigenen Flotten eindeutig kontrolliert. Obwohl das Offensivpotential eigentlich die direkten Schwächen überwiegt, ist die Stellung als neutral und ausgeglichen zu betrachten, da beide direkten Nachbarn (F, Ö) bereits zu den militärisch stärkeren Nationen zählen.

4.2.2 Strategischer Plan

Wir wollen in der Folge unsere Überlegungen für die Herleitung des strategischen Plans beschreiben. Wem dies zu aufwendig erscheint, der kann auch gleich zum Erkenntnisteil übergehen.

4.2.2.1 Überlegungen zur Herleitung der Strategie

Wie so oft im Standard-Diplomacy ist auch in dieser Partie das Brett an der Hauptstalemate-Linie nahezu in zwei Hälften geteilt. Die virtuelle Demarkationslinie östlich von WES-GOL-PIE-MUN-BOH-SIL-PRU-LVN wird nur von einer einzigen Einheit „verletzt“ – der russischen Armee in SIL. Ansonsten existieren eigentlich zwei voneinander getrennte Kampfschauplätze. Durch das gegen R existierende Bedrohungspotential rund um WAR kann allerdings auch dort davon ausgegangen werden, daß die Einheit SIL eher nicht in das nordwestliche Kampfgeschehen eingreifen wird.

Durch diesen Umstand und die zuletzt erfolgte Entspannung kann sich Italien temporär eigentlich als Randnation mit freiem Rücken im Westen betrachten. Wesentlich ist dabei jedoch das „Temporäre“ einzuschätzen. Die Frage nach der Anzahl der Züge bis F im Süden wieder aufrüstet wird für den strategischen Plan von essentieller Bedeutung.

I kann sich zur Zeit auch in der glücklichen Lage schätzen, zwischen durchaus unterschiedlichen Optionen auszuwählen. Wie in den Ausführungen zur Bewertung der anderen Nationen besprochen ist I zur Zeit für mehrere Nationen, allen voran Ö und T, ein interessanter Partner.

Betrachtet man die italienischen Hauptoptionen, sollten wir folgende Möglichkeiten durchdenken:

Passive Abwartehaltung:

Soll hier eigentlich nur theoretisch angeführt sein. I hat es nach anfänglich beschriebenen Reibereien mit F nun geschafft, daß alle anderen Nationen am Board bereits in Konflikte verwickelt sind. Nur I selbst konnte zu einer weitgehend neutralen Position zurückkehren.

Nun ist aber der entscheidende Zeitpunkt gekommen, auch selbst möglichst gewinnbringend in das Geschehen einzugreifen. Bei weiterem Zuwarten würde man zwar sicherlich einige Nationen überleben, allerdings würden in Bälde deutlich übermächtige Kontrahenten entstehen, denen nichts mehr entgegenzusetzen wäre.

Engagement gegen Frankreich:

Eine durchaus interessante Idee, um die Ausgewogenheit am Brett weiter aufrechtzuerhalten bzw. wiederherzustellen. R und Ö werden trotz Übermacht allein kaum gegen T vorankommen. Auch umgekehrt könnte T mit R kaum Fortschritte gegen Ö erzielen. F ist zur Zeit das Gefahrenpotential Nr. 1 am Brett, da ohne sonstiges Zutun deutliche Zugewinne in E in Sicht sind (siehe Bewertungen). E hingegen kann ohne Hilfe vielleicht nur kurze Zeit gegen D/F überleben. Ein Binden der französischen Kräfte im Süden könnte E genügend Kraft geben, um das alleinige Match gegen D offen zu halten und das Gleichgewicht im Norden zu erhalten. Dennoch sprechen sehr viele Gründe gegen ein entsprechendes Vorgehen.

Zum einen taktische Überlegungen, da für F bei unglücklicher E Verteidigung bereits in dieser Runde zusätzliche Gewinne möglich sind, die dann direkt in eventuellen Flottenaufbauten in MAR münden könnten. Des Weiteren ist die aktuelle Flottenaufstellung Italiens nicht geeignet, genügend schnell alle taktisch relevanten Felder (NAF, WES, GOL) zu besetzen oder auch nur zu kontrollieren. Selbst bei Außerachtlassen dieser taktischen Einschränkung wären sämtliche italienische Einheiten im Westen gebunden. Damit gibt es keine deutliche Chance, schnelle VZ-Gewinne einfahren zu können. Wenn nun aber auch der im Osten bei R/T/Ö vorausgesetzte Stillstand eintritt, wird Ö, der mit allen Einheiten in Schlagreichweite gegen I steht, irgendwann zu einem Überfall verleitet sein. Und letztlich, selbst bei aufrechter Treue des Ö, würde man Europa lediglich zwei bis drei weitere Jahre in eine Pattsituation versetzen können, ohne daß sich an der VZ-Verteilung deutliche Änderungen ergäben. Zeitverzögerungen können aber gerade für I nicht günstig sein, denn man braucht für den dringend notwendigen 2. oder 3. Platz später auch noch die Zeit, entsprechende VZ-Zuwächse realisieren zu können.

Bei den Varianten „Passiv abwartend“ oder „Engagement gegen F“ sollte daher vor allem aus der letzten Folgerung eine Absage erteilt werden. Die Zeit ist für Italien reif, das Gleichgewicht am Brett bewußt zu zerstören und dabei möglichst viel für sich selbst herauszuholen! Aus dieser Erkenntnis heraus ergibt sich aber auch ein absehbarer Untergang von E. Dieser wird zu einer Stärkung von F und D führen. Auch der Zeitraum - der angesprochene temporäre Effekt – ist damit quantifizierbar. In spätestens 1,5 bis 2,5 Jahren könnte F im Krieg gegen E einen Status erreicht haben in dem er weitere Ziele festlegen kann. Je nach Situation und Fortschritt wird dies dann entweder D oder I sein. Und damit ist noch eine Vorgabe des Planes festgelegt. Für eine spätere Minimalverteidigung gegen F, unter der Voraussetzung, daß andere Frontabschnitte nicht vollständig entblößt werden müssen, benötigt I zumindest zwei zusätzliche Einheiten (eine Armee zur Kontrolle von MAR und eine zusätzliche Flotte mit der die Region GOL-WES kontrolliert werden kann). Diese beiden Einheiten müssen daher in den nächsten ca. drei Zügen gewonnen werden.

Entscheidend für die folgenden Überlegungen muß also sein, welche Bündniskonstellation mit diesen „Vorgaben“ am besten harmoniert.

Italien muß aus den verbleibenden drei Nationen Ö, T und R den Partner suchen, mit dem sowohl kurzfristig taktisch die notwendigen Fortschritte erzielt werden können, als auch langfristig eine Zusammenarbeit möglich ist, ohne selbst in das Dilemma mehrerer Fronten zu gelangen. R wäre zwar aus strategischer Sicht interessant, ist aber mittlerweile militärisch zu schwach. Von den verbleibenden Ö und T haben wir bereits gesehen, daß beide ohnehin berechtigte Gründe haben, mit I zusammenspielen zu wollen.

Engagement mit Osmanien gegen Österreich:

Seitens T liegt ja bereits ein konkretes Angebot auf Zusammenarbeit vor. Zudem wäre auch R an einem Partizipieren an dieser Allianz interessiert. Strategisch ist diese Variante zweischneidig, da I in späterer Folge zwischen einem starken F und einem zumindest soliden T platziert ist. Ein zwar schwaches aber etwas konsolidiertes R könnte zumindest zeitweilig für die Gefahrenbegrenzung seitens T von Nutzen sein. In späterer Folge ohne R hingegen würde auch T ein enormes Gefahrenpotential gegenüber I darstellen. Dies könnte allerdings unter dem Aspekt der begrenzten Partie bis 1909 zeitlich handhabbar bleiben. Strategisch vorteilhaft an der Allianz mit T ist, daß in der konkreten Brettsituation T künftig auch gut als Landnation vorankommen kann und damit seine Aufbauten auf Armeen beschränken kann, während I die Vormachtstellung im Mittelmeer erhalten bleibt.

Taktisch ist diese Allianz allerdings echt problematisch. Es kann selbst mit russischer Mithilfe in diesem Jahr kein einziges VZ sicher gewonnen werden (BUD hält TRI, SER hält BUL, AEG deckt GRE, GAL ist sogar frei). Ö hat sogar gleichzeitig soviel Druck gegen RUM und auch CON, daß selbst eine gefahrlose Verbesserung der Positionierung für einen Vernichtungsschlag im darauf folgenden Jahr nicht möglich ist. Zudem ist Ö über die potentielle Zusammenarbeit R/T/I gewarnt, und hat für den Fall eines solchen Bündnisses ausdrücklich gegenüber I primäre Verteidigung angekündigt.
Das Erreichen des taktischen Zieles für I, in den nächsten 1,5 Jahren mindestens 2 VZ zu erobern, ist nicht erkennbar.

Engagement mit Österreich gegen Osmanien:

Interessant ist zwar, daß jedes Bündnis gegen Ö keine Chance auf kurzfristige VZ-Gewinne hat. Jedes italienische Bündnis mit Ö hat hingegen einen VZ-Gewinn nahezu sicher (RUM kann 4x von Ö angegriffen werden) und seriöse Chancen in kurzer Zeit weitere Fortschritte zu erzielen (ION-EAS, TYN-ION und Angriffe bzw. Konvois gegen SMY). Dazu kommt, daß das aktuelle Ungleichgewicht in der Stärke (Ö hat 6 VZ, I nur 4) durchaus die Forderung zulässt, daß gemeinsam erzielte Gewinne nun vorrangig von I besetzt werden dürfen.

Wesentliche Aspekte aber sprechen gegen die strategische Allianz mit Ö. Zum einen ist dies die absehbare spätere Zerrung des zu verteidigenden italienischen Gebietes (PIE bis ARM) und zum anderen die Problematik, daß potentielle Aufbauten des Ö immer in unmittelbarer Nähe des italienischen Zentrums stattfinden, wodurch die Stabgefahr erhöht wird. Ö würde gleichzeitig seine Einheiten kompakt halten können und hätte nicht nur deutliche positionelle Vorteile, sondern auch besseres zusätzliches Entwicklungspotential gegen Nordosten. Die konkrete und absehbare Gefahr, die in der Partnerschaft mit Ö von diesem ausgeht, ist damit ein vielfaches höher als im Bündnis mit T.

Vergleiche Prinzipbild (Dislozierung der Kräfte)

Wir sehen hier ein strategisches und auch taktisches Dilemma Italiens. Einerseits hat man zur Zeit zwar viele Fäden in der Hand und kann „entscheiden“ wohin die Partie läuft, andererseits hat dieser Partner - egal welchen man wählt - langfristig sogar deutliches Überlegenheitspotential gegen einen selbst. Dies ist auch mit ein Grund dafür, warum die italienische Lage nicht mehr als eine neutrale Bewertung verdient. Vermutlich ist dies generell eines der Hauptprobleme in vielen Italien-Partien und einer der wesentlichen Gründe für die schlechte italienische Performance: Man kann zwar oft zum entscheidenden, aber höchst selten zum bestimmenden Machtfaktor werden.

4.2.2.2 Erkenntnis

Ein wirklich guter strategischer Partner für I existiert in der Brettkonstellation auf lange Sicht eigentlich nicht. Jeden potentiellen östlichen Partner, den man zum Vorankommen dringend braucht, stärkt man gegen sich selbst. Zwischen „leider zu schwach“ (R), „problematisch“ (T) und „schlecht“ (Ö) sollte man sich für T entscheiden. Ö hätte in einer längeren Allianz den Vorteil eines kompakten Kerngebietes mit hoher dynamischer Fähigkeit, Italien an unterschiedlichsten Stellen anzugreifen (siehe die Überlegungen vorhin).

Taktisch muß man sich allerdings der Hilfe Österreichs bedienen, da mit T und sogar R an seiner Seite kein kurzfristiges Vorankommen möglich ist. Die Ö Aufstellung weist zu hohe Verteidigungsqualität auf.

Die Analyse der Lage von Ö und T brachte ja bereits hervor, daß beide die Allianz mit I als vorrangiges Ziel suchen sollten. Ö hat als zusätzliches Problem, daß es die Deeskalation zwischen T und R verhindern muß.

Betrachten wir noch einmal die taktische Sicht Österreichs: Mit reiner Einigelungstaktik hat Ö zwar keine unmittelbaren Verluste zu befürchten, mittelfristig wird man allerdings einer Dreierallianz von R/T/I nichts entgegensetzen können. Ö muß zum Vorankommen unbedingt einen Partner an seine Seite ziehen und der einzig in Frage kommende Partner ist I.
Die Verteidigung von TRI ist für Ö daher selbst bei einem 3 Bund R/T/I gegen Ö vermutlich nicht oberstes Ziel. Die bessere Strategie wäre wahrscheinlich, den geplanten russisch-türkischen VZ-Tausch (SEV-RUM mit Support von UKR, BLA und gleichzeitigem MOS-SEV) durch einen Dreifach-Bounce in RUM (GAL, BUD, BUL) oder sogar vierfachen Angriff (inkl. SER) zu verhindern. Dabei könnte zwar je nach exakter Zuglage TRI oder GRE an I verloren gehen, aber das Spannungspotential innerhalb der I/R/T-Allianz würde nicht abgebaut, sondern vermutlich sogar höher werden (R könnte RUM ohne Gegenwert verlieren, I hätte mit einem zusätzlichen VZ bereits bekommen, worum er in der Allianz kämpfen sollte, T und R können ihren gordischen Knoten nicht mehr lösen). Mit diesem VZ-Opfer könnte sich Ö aus seiner Problemlage befreien.
Aus dieser Überlegung heraus könnte Ö dem Italiener TRI unter bestimmten Voraussetzungen durchaus auch freiwillig abtreten. Dies wiederum könnte gegenseitiges Bedrohungspotential lösen (z. B. indem vereinbart würde, daß TRI mit der Flotte genommen wird), würde Ö aber vermutlich die Möglichkeit einräumen gleichzeitig RUM zu erobern und damit seine VZ-Zahl zu behalten und sogar noch einen weiteren Angriff gegen T vorzubereiten, da I seine Flotten nach EAS verlagern könnte. Aus Ö Sicht würde das ein guter Deal bleiben, auch wenn vorerst einmal nur I direkt profitiert, denn in der Langzeitbetrachtung könnte sich dennoch die überlegene strategische Positionierung durchsetzen und es wäre absehbar, daß I Druck seitens F bekommen würde.

Vergleiche Prinzipbild (aktive österreichische Verteidigung)

Kehren wir damit zu den italienischen Überlegungen zurück: Verhandlungen mit Ö bezüglich der freiwilligen Übergabe von TRI könnten durchaus Erfolg haben. Gleichzeitig wollen wir aber Ö nicht als langfristigen Partner im Boot haben. Dementsprechend könnte eine 3-Ebenen-Strategie interessant sein.

1. Ebene Vordergründiges Bündnis – Dreibund mit R und T gegen Ö
Vorgehen laut angebotenem Plan,
dient dem primären Zweck, Kontrolle über die Züge der Allianz zu erlangen.
2. Ebene Strategisches Bündnis mit Ö - Vorgehen gegen T wird vereinbart (SMY)
Abgesprochene VZ-Übernahme zwischen Ö und I - I bekommt TRI, Ö nimmt RUM
3. Ebene voller Stab gegen Ö (entweder sofort in GRE oder auch verzögert im nächsten Jahr)
Vollziehen des eigentlichen Vorgehens mit T

Mit dieser Strategie können sowohl die kurzfristig notwendigen VZ-Gewinne realisiert werden, gleichzeitig kann aber auch T als langfristiger Partner etabliert werden. In dieser Konstellation ist nun plötzlich auch interessant, daß R entweder überhaupt ein weiteres VZ verliert (falls der Ö Angriff auf RUM durchschlägt), was ihn vermutlich unmittelbar aus der Bündniskonstellation mit T herauslöst oder noch besser: im Falle eines Bounce in RUM kann wieder keine Entflechtung stattfinden, was I einen weiteren zeitlichen Vorsprung gegenüber T in der Vormachtstellung am Balkan gibt. Eine Bündnisumkehr gegen I ist gleichzeitig aber ebenso unwahrscheinlich, da einerseits Ö noch immer Einheiten in BUL und eventuell dann auch in RUM hat, und zudem für R/T kein Grund vorliegt, das Bündnis mit I zu verlassen, da I ja die Vorgabe der Allianz, nämlich den Angriff auf Ö erfüllt hat.

Zusatzstrategie für die anderen Brettbereiche: Im Norden ist Ihnen jedes Bremsen des französischen Fortschrittes sehr willkommen. Versuchen Sie tendenziell eher eine Stärkung des Deutschen zu unterstützen – z. B. durch diplomatische Einflußnahme oder durch Bereitstellung hilfreicher Informationen. Einerseits verschafft Ihnen das Bremsen des F mehr Zeit, Ihre taktischen Ziele umzusetzen, andererseits wird ein starkes D weniger taktisches Bedrohungspotential gegenüber I darstellen, allerdings durchaus gegenüber F und später auch T.

Unser grober strategischer Plan steht. Nun sind die Details zu klären, die natürlich auch von den diplomatischen Rahmenbedingungen abhängen. Einer dieser Aspekte ist etwa jener, ob ein sofortiger voller Stab gegen Ö möglich ist. Beim vollen Stab gegen Ö (zusätzlicher Angriff in GRE) hätte I gar zwei Aufbauten, was ihm ebenso einen deutlichen zeitlichen Vorsprung gibt und die Vormachtstellung am Balkan einräumt. Dazu müssen wir jedoch überlegen, wie Ö davon abgehalten werden kann, nach GRE zu ziehen. Ein anderer Aspekt ist die Frage, womit man nach TRI einzieht. Doch betrachten wir dazu die konkreten Zugvorstellungen.

4.2.3 Konkret angestrebte Zugvorstellungen

Folgende Zugvorstellungen der beteiligten Nationen sollten Ihnen vorschweben, die es in den kommenden diplomatischen Verhandlungen anzustreben gilt.

4.3 Diplomatische Linie

Natürlich ist die Diplomatie das entscheidende Mittel, um seine Strategie durchzusetzen. Bisher haben wir uns ausschließlich auf die Herleitung der Strategie konzentriert.

In der Folge werden wir nur einige Aspekte und Elemente hervorheben, um den erarbeiteten Plan auch diplomatisch durchsetzen zu können. In der Praxis ist natürlich gerade hier nicht immer Geradlinigkeit oder Klarheit gefragt und zuweilen stößt man durchaus auch auf mangelnde Diskussionsbereitschaft, oder schlichtweg Irrationalität, die schließlich sogar in einer Änderung der gesamten Strategie münden kann. Dennoch hier einige Aspekte, die für die diplomatischen Verhandlungen in diesem Beispiel nützlich sein können.

Obwohl die Stellung insgesamt eine breit angelegte Diplomatie seitens I verlangt, ist Ö mit Abstand Ihr Hauptverhandlungspartner. Beachten Sie, daß dies aber gerade jener Mitspieler ist, den Sie als Angriffsziel auserkoren haben. Ein gerne begangener Fehler ist, daß eine oft rege Kommunikation bei einem bevorstehenden Stab plötzlich deutlich reduziert und auf notwendigstes beschränkt wird. Daher eine generelle Empfehlung: Diskutieren Sie ruhig ausführlich über langfristige Pläne und bereiten Sie dafür sogar detaillierte Analysen vor, auch wenn Sie genau wissen, daß es niemals dazu kommen wird. Ein „Partner“, dem Sie das Gefühl geben, mit ihm bereits weit über diesen Zug hinaus planen zu wollen, wird sicher weniger Verdacht schöpfen, in diesem Zug Ihr Opfer zu sein.

Doch nun konkret – folgende diplomatische Elemente sollten Sie einsetzen:


5. Punkteauswertung

Wir haben eingangs erwähnt, daß wir dieses Beispiel als Test aufgebaut haben. Dementsprechend gibt es im Folgenden eine Punkteauswertung, mit der Sie Ihre Ergebnisse prozentual bewerten können.
Bitte betrachten Sie diese Punkteauswertung und das daraus resultierende Ergebnis nicht als Dogma.

Zu 4.1 Lageeinschätzung der Nationen (außer Italien)

Punktemaximum hierfür sind somit 24 Punkte.

Zu 4.2 Situation mit Italien

Punktemaximum hierfür ist somit 6 Punkte aus Abschnitt 4.2.1, 12 Punkte aus Abschnitt 4.2.2 und 14 Punkte aus Abschnitt 4.2.3, also in Summe 32 Punkte.

Zu 4.3 Diplomatische Linie

Entsprechend der 10 vorhandenen Elemente ist das Punktemaximum aus diesem Abschnitt 10 Punkte.

Mögliche Punktesumme total: 66 Punkte


6. Was tatsächlich geschah?

Ö war von der Idee, TRI preiszugeben und dafür gemeinsam mit Italien gegen den Osten vorzugehen, begeistert. I entschied sich für die Variante, Ö vorerst nur TRI mit dessen Zustimmung wegzunehmen. Eine Runde später erst griff er gemeinsam mit T den Ö an.

F kam gegen E - aufgrund dessen etwas schwer nachvollziehbarer Strategie (auch Selbstmord wäre eine angemessene Formulierung) - deutlich schneller voran als anzunehmen gewesen wäre und hatte rasch etwa zehn VZ. Danach vermochte er es sogar noch, die restlichen englischen Einheiten zu einem gemeinsamen Vorgehen gegen D zu überreden. D konnte vom zusammenbrechenden E kaum Nutzen ziehen und wurde letztlich vom folgenden französischen Angriff nahezu vollständig vernichtet. Zwischenzeitlich konnte I gemenisam mit T Österreich befreien, wobei I immer mehr mit der Verteidigung gegen vordringende französische Flotten beschäftigt war und damit auch dem T immer mehr Raum zugestehen mußte. In der Folge verschmolzen T und I aber zu einer Überlebensgemeinschaft gegen den drohenden französischen Solosieg, wobei auch noch R und D bis zuletzt mit ihren deutlich dezimierten Einheiten an der Vermeidung des Alleinsieges entscheidend mitwirkten. In den letzten Kriegsjahren sah sich I noch einmal mit der taktischen Herausforderung konfrontiert, einerseits F weit genug auf Distanz zu halten um ein Solo zu verhindern, andererseits aber so nahe an sich heran zu lassen, um durch eben diese Solo-Drohung einen Stab des T zu verhindern.

T strebte aus team-taktischen Gründen zwar dennoch Platz 2 an (vereinbart war zu diesem Zeitpunkt ein geteilter zweiter Platz mit I), begnügte sich letztlich aber mit zusätzlichen VZ aus der Vernichtung von R. Am Ende schloss man die Partie Winter 1909 mit der VZ-Verteilung F 17, T 9, I 8, was allen drei Nationen das Weiterkommen in die nächste Weltmeisterschafts-Runde ermöglichte.

7. Fazit

Wie bereits eingangs erwähnt, möchten wir hier nochmals betonen, daß die gewählte Vorgehensweise sicher nicht die einzige zum Ziel führende Strategie ist.

Viel mehr war es wichtig zu zeigen, daß ein Erkennen der strategischen Problemstellungen der anderen Nationen sich zumeist als Schlüssel zur eigenen Strategie erweist. Als klassisch erachten wir dabei auch den skizzierten Weg über 1. die Betrachtung der Lage und potentiellen Strategien der anderen Nationen 2. die eigene Lage, spezifischen Notwendigkeiten und angepasste Strategie 3. die Überlegungen zu den angestrebten Zügen aller Beteiligten, sowie 4. die diplomatische Linie, um diese Züge zu realisieren.

Im konkreten Fall war die Erkenntnis, daß I den Ö mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer kampflosen Übergabe von TRI überreden kann, essentiell. Darüber hinaus war es alles andere als klar ersichtlich. Die Entscheidung, dennoch den T als Partner vorzuziehen, wurde auf der Grundlage der potentiellen späteren Kräfteverteilungen getroffen, und vor allem auch unter Berücksichtigung der zeitlichen Komponente. Schließlich stand für I unter dem Aspekt des schnell wachsenden Frankreich nicht unbegrenzt Zeit zum Wachsen zur Verfügung. In einer realen Partie ohne Zeitlimit hätte sich die spätere Situation Italiens durch ein extrem schnelles Wachstum Frankreichs und die Vorgehensweise Englands sogar noch als problematisch erwiesen. Letztlich hielt die gewählte Strategie mit einigen diplomatisch-taktischen Finessen aber auch dieser Prüfung stand.

Nicht immer hat man, wie in diesem Beispiel, so viele unterschiedliche Optionen und Partner, zwischen denen man auswählen kann, zur Verfügung. Das Beispiel sollte aber demonstrieren, wie die eigenen strategischen Überlegungen, mit potentiellen Strategien der anderen zusammengefügt, die Entwicklung eines Erfolg versprechenden „Masterplanes“ ermöglichen können..

Wir hoffen, Sie hatten Spaß daran, einige unserer Gedanken zu diesem Stellungsbeispiel zu teilen, und wir würden uns selbstverständlich über ihr Feedback oder allfällige Diskussionen freuen. Gerne können Sie auch die gesamte Partie von uns bekommen.

ZURÜCK