Gewinnen mit Italien
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von Steve Ray (raytri@yahoo.com)

ÜBERSETZT VON TIMO MÜLLER
 

EINFÜHRUNG

Es scheint eine allgemein akzeptierte Weisheit im Diplomacy zu sein, daß Italien ein schwaches Land ist, mit dem es schwierig ist, zu gewinnen. Verschiedene Autoren haben argumentiert, daß das Problem in der Art und Weise liegt, wie man Italien spielt - es erfordert eine andere Taktik als die meisten anderen Länder - aber auf solche Behauptungen folgen nur wenige Beispiele zur Erklärung.

Ich habe herausgefunden, daß Italiens schlechter Ruf sich in Wirklichkeit nicht aufrechterhalten läßt. Seit ich vor ungefähr einem Jahr online gegangen bin, habe ich in acht E-Mail-Partien mitgespielt bzw. spiele immer noch mit. Von den vier, die schon beendet sind, hat Italien zwei alleine gewonnen und überlebte im Dritten einen französischen Alleinsieg bis zum Ende. Von den vier übrigen Partien steht Italien in einer ziemlich gut da, ist in zwei anderen schon hinausgeflogen oder steht kurz davor, und im vierten Spiel kann man noch nichts sagen. Insgesamt keine schlechte Bilanz.

Ich habe eine weite Palette von Verhaltensweisen kennengelernt, aus verschiedenen Perspektiven, und fühle mich ausreichend qualifiziert, um Italiens Schwächen, Stärken und Strategien zu beurteilen.

OFT DURCHGEFÜHRTE ERÖFFNUNGEN

Die beiden Haupteröffnungen für Italien sind das Lepanto in allen seinen Variationen und der "Go Fasta"-Ansatz - die meiner Meinung nach beide eher ein konventionelles Denken des Italieners unterstützen.

Ich stimme mit dem Autor von "Geography is Destiny" [deutsch] darin überein, daß die Lepanto-Eröffnung für Italien in der Tat ein sehr riskanter Versuch ist, der sich selten auszahlt: Ich habe es öfter erlebt, daß Italien mit einem Lepanto scheitert, als daß es erfolgreich ist. Das wird sich wahrscheinlich immer weiter ausbreiten, weil inzwischen jeder erwartet, daß Italien ein Lepanto macht, wodurch das Überraschungsmoment, das für den Erfolg des Lepanto entscheidend ist, ausgeschaltet wird.

Der Go Fasta-Ansatz ist zwar effektiv, aber zu spezifisch, und erfordert außerdem viele Voraussetzungen, die anderswo auf dem Spielplan geschehen müssen: kein russisch-türkisches Bündnis, Frankreich muß Italien mindestens während der nächsten drei Jahre in Ruhe lassen, die Türkei muß zustimmen, wenn es daran geht, die Balkan-Zentren zu erobern und aufzuteilen, Rußland muß sich bereiterklären, Italien gegen die Türkei zu unterstützen und nicht die Türkei gegen Italien, und so weiter.

Ich möchte in diesem Artikel eine allgemeine Erörterung der Stärken und Schwächen Italiens führen, aus der die Spieler ihre eigenen Strategien entwickeln können. Ich werde zwar eine Strategie beschreiben, die sich aus dieser Erörterung ergibt, aber ich denke, es ist, wenn man Italien spielt, wichtiger, seine Vorteile und Grenzen zu kennen, als sich auf eine genaue Zugfolge festzulegen.

GRÖSSTE SCHWÄCHEN

Es scheint, daß jeder eine Liste von italienischen Schwächen herunterrasseln kann, also kann ich gleich mit ihnen anfangen.

1. Nur ein sicheres neues VZ, aber in einer isolierten Lage (Tunis).

Na gut, das ist ärgerlich. Aber es heißt auch, daß sich Italien 1901 keine Feinde macht, außer wenn es das selbst möchte.

2. Weitere Ausdehnung ist nur über gegnerische Heimat-VZ möglich.

Das ist zugegebenermaßen ein kleines Problem, weil alle italienische Nachbarn genau aufpassen werden, wohin es sich 1902 wendet. Andererseits haben die meisten Mächte nach 1901 dasselbe Problem, und die meisten Nachbarn können nicht ihre eigenen Angriffszüge planen und gleichzeitig eine Verteidigungslinie gegen einen möglichen italienischen Angriff aufbauen. In dieser Situation wird kaum eine andere Macht als Österreich auch nur versuchen, diese Verteidigung aufzubauen, weil sie auf Pufferzonen und Diplomatie vertrauen, um einen italienischen Angriff abzuwehren.

Wenn man dazu noch die Tatsache sieht, daß Italien eine schwer zu erobernde Macht ist, finde ich, daß Italien normalerweise den Luxus genießt, sich aussuchen zu können, welche Macht es angreift und mit welcher Macht es sich verbündet.

3. Der Fall Triest.

Die größten Zerstörer der italienischen Chancen sind unerfahrene oder gierige Spieler für Italien oder Österreich: diese beiden Versorgungszentren (Venedig/Triest), die aneinander angrenzen, sind eine ständige Versuchung/Bedrohung für den anderen Spieler. Zum Glück gibt es eine einfache Tatsache, die das wieder ausgleicht: in neun von zehn Fällen, in denen Italien oder Österreich sich gegenseitig zu Beginn des Spiels angreifen, scheiden beide früh aus. Deshalb sollte Italien, wenn es den Nachbarn überzeugen kann, die Dinge langfristig zu betrachten, hier einen guten Stand haben.

Selbst wenn das nicht funktioniert, ist nicht alles verloren: Es ist einfacher für Italien, Österreich zu stabben, als andersherum. Vor allem in der Frühphase des Spiels kann Italien Venedig viel leichter decken als Österreich Triest. Und wenn 1902 naht, hat Österreich normalerweise mindestens einen weiteren Nachbarn, mit dem es sich auseinandersetzen muß, und plötzlich sieht ein Krieg mit Italien gar nicht mehr einladend aus. Deshalb sollte Italien, wenn es 1901 ohne erfolgreichen österreichischen Angriff übersteht, keine Probleme haben.

4. Große Hindernisse für Angriffszüge.

Richtig. Will es einen anderen Nachbarn als Österreich angreifen, muß Italien eine Menge leerer Gebiete durchqueren: Tirol und Piemont zu Land, und mindestens zwei Gebiete zur See. Außerdem beschränkt die Schweiz alle Landrouten auf Flaschenhälse mit nur einer Grenze, so daß jeder ernstgemeinte Angriff auf Frankreich und die Türkei Flottenunterstützung erfordert. Das heißt, daß es für Italien schwer ist, entscheidenden Druck auf einen seiner Nachbarn auszuüben, und beinahe unmöglich, Einheiten für zwei Bestimmungen zu verwenden: Einheiten, die an einer Front angreifen, sind normalerweise nicht in der Stellung, gegen einen Angriff an der anderen Front zu verteidigen.

Die hauptsächliche Schwierigkeit ist, daß Italien seine Angriffe sorgfältig planen muß, wenn es eine Erfolgschance haben will. Aber wie wir sehen werden, können diese Pufferzonen auch eine Stärke sein. Seine Nachbarn sehen es normalerweise nicht als Bedrohung, gegen die man sich rüsten muß, und das erlaubt ihm, einen effektiven Zweifrontenkrieg zu führen.

5. Es gerät leicht zwischen zwei Fronten.

Italien ist unausweichlich ein Ziel für ein russisch-türkisches oder österreichisch-türkisches Bündnis, ebenso wie für jedes Bündnis von Weststaaten. Normalerweise ist die Basis jedes solchen Bündnisses, daß eine Macht Nordeuropa zu Land durchquert, während die andere Macht über das Mittelmeer zur See vorstößt. Schon ein solches Bündnis ist ziemlich schlecht, aber ein Spiel, in dem es gleich zwei gibt, kann sehr erschreckend sein. Das macht es für Italien zur wichtigsten Aufgabe, schnell und oft die Bildung solcher Bündnisse zu verhindern. Wenn es das nicht schafft, sollte es sich für eine der beiden Seiten entscheiden: ein Bündnis mit Frankreich und England, in dem England im Norden vorstößt, Frankreich durch Deutschland und Italien im Osten, wäre eine denkbare Möglichkeit. Wenn das nicht klappt, sollte Italien sich auf seine natürlichen Verteidigungsmöglichkeiten verlassen. Wenn es genug Flotten hat, wird es ein sehr unattraktives Ziel für jeden möglichen Eindringling.

GRÖSSTE STÄRKEN

Italiens Stärken sind anderswo schon grob umrissen worden: hauptsächlich, daß es schwierig auf dem Landweg zu erobern ist, und daß seine zentrale Position ihm eine Mitsprache bei der Entscheidung gibt, wer erfolgreich sein wird und wer nicht. Aber warum ist das so, und was heißt es für Italien?

So wie ich die Sache sehe, sind die Stärken, die die Geographie Italien gegeben hat, die Folgenden:

1. Es liegt am Südrand des Spielplans.

Das sollte man nicht unterschätzen. Es ist schon einmal eine Richtung, um die sich Italien keine Sorgen zu machen braucht, und es gibt ihm besseren Schutz gegen einen Angriff.

2. Seegebiete im Osten und Westen dienen als unaufwendige Pufferzonen.

Natürlich ist es ärgerlich, wenn Italien sie bei einem Angriff zuerst durchziehen muß, aber sie sind auch ein großer Vorteil bei der Verteidigung. Solange es keine "Alle auf Italien"-Bewegung - die nicht gerade üblich ist - gibt, werden es sich die meisten Nachbarn nicht zumuten, zu Beginn des Spiels zur See dort einzufallen. Und wenn, dann müssen sie ihre Absicht mindestens einen Zug vorher offenbaren.

3. Die Schweiz im Norden.

Die unzugänglichen Alpen schützen Italien mehr als jede andere Macht, indem sie deutsche und französische Angriffe abhalten. Sie dienen außerdem als psychologische Trennungslinie für seine Truppen (siehe Nr. 6 weiter unten).

4. Natürliche Verbündete in England, Deutschland und Rußland, und gute Gründe, warum sowohl Frankreich als auch die Türkei und Österreich Italiens Freunde sein wollen.

Egal welches Land ich spiele, ein Teil meiner grundlegenden Diplomacy-Philosophie ist, daß Mächte, zu denen ich keine direkte Grenze habe, die besten Verbündeten sind. Sie können mit großer Wirkung zusammenarbeiten, aber weil sie keine gemeinsame Grenze haben, ist es sehr schwierig, sich gegenseitig zu stabben.

Für Italien heißt das, daß England, Rußland, und, mit deutlichen Einschränkungen, auch die Türkei seine besten Verbündeten sind. Es kann England nutzen, um Frankreich zu kontrollieren, und Rußland, um Österreich und die Türkei zu kontrollieren.

Deutschland ist am Anfang keine große Hilfe, außer vielleicht durch einen Einmarsch in Frankreich, aber es erfüllt einen sehr nützlichen Zweck als zweites Ziel für Italiens Verbündete. Wenn Italien und England zum Beispiel Frankreich vernichtet haben, wird England sich viel eher Deutschland zuwenden als Italien. Deshalb ist Italien daran interessiert, Deutschland stark, aber nicht zu stark zu halten, natürlich auf der anderen Seite der Schweiz. Das wird nicht nur seine eigentlichen Verbündeten stören, sondern ihm auch noch einen größeren Teil der angegriffenen Gebiete sichern: Wenn Rußland sich Sorgen wegen Deutschland machen muß, wird es Italien Budapest und Wien überlassen, anstatt deshalb große Auseinandersetzungen anzufangen.

Das heißt nicht, daß ein starkes italienisch-deutsches Bündnis nicht funktionieren kann: immerhin wollen beide verhindern, zwischen den Eck-Staaten zerrieben zu werden, und können einander helfen, ohne sich direkt um Zentren streiten zu müssen. Italien könnte sich auch ein nicht allzu starkes Deutschland als Juniorpartner nehmen, wenn es daran geht, einen seiner früheren Verbündeten abzuservieren. Aber wenn die Dinge im Gleichgewicht bleiben, ist es vielleicht eine bessere Idee, seine Freunde länger zu behalten.

Entfernt liegende Mächte sind also die besten Verbündeten. Aber sogar Italiens nächste Nachbarn haben gute Gründe, mit ihm befreundet sein zu wollen, vor allem zu Beginn des Spiels. Österreich will keinen Vierfrontenkrieg; die Türkei will Hilfe gegen Österreich und kein Lepanto; Frankreich will Portugal und Spanien sichern, und er weiß den Wert der Pufferzone Piemont / Golf von Lyon / West Med zu schätzen, während er sich darum kümmert, wer im Westen die Oberhand behalten wird.

Daraus folgt in den meisten Spielen, wenn Österreich vernünftig handelt, daß Italien in den ersten paar Jahren des Spiels - vielleicht sogar noch länger - keinen geplanten Angriff fürchten muß. Deshalb kann es sich eine längerfristige Wachstumsstrategie leisten, hart spielen, um seine Ziele zu erreichen, sich von den Nachbarn umwerben lassen und sich Zeit nehmen, um sich für eine Seite oder eine Strategie zu entscheiden.

5. Wenn Italien einmal fünf Einheiten hat, kann es einen Zweifrontenkrieg effektiver führen als jede andere Macht.

Mit der Randlage im Süden und dem Schutz durch die Schweiz im Norden kann Italien normalerweise eine Grenze mit zwei Einheiten verteidigen, während es an der anderen Grenze mit den restlichen Einheiten Krieg führt. Keine andere Macht kann seine Kräfte so effektiv aufteilen - oder eine Grenze mit so wenigen Einheiten so sicher verteidigen.

6. Die Möglichkeit, klein auszusehen.

Das ist ein GROSSER Vorteil. Die Schweiz und die italienische Halbinsel bilden nicht nur ein physisches, sondern auch ein psychisches Hindernis. Weil italienische Einheiten an der einen Grenze normalerweise weit weg vom Geschehen an der anderen Seite sind, halten die meisten Leute Italien für kleiner, als es wirklich ist. Wenn Italien mit vier Einheiten Frankreich angreift und mit drei auf dem Balkan dabei ist, werden die Westmächte ein Italien mit vier Einheiten wahrnehmen und die Mächte im Osten ein Italien mit drei Einheiten. Natürlich wissen sie auf einer abstrakteren Ebene, daß Italien sieben VZ besitzt, aber weil die Hälfte dieser Zentren keine vorstellbare Gefahr für sie bedeutet, zählen sie diese nicht dazu. Das heißt, daß Italien ziemlich groß werden kann, bevor die anderen Spieler es als europaweite Bedrohung wahrnehmen. Es heißt auch, daß Italien oft erfolgreich eine gleichberechtigte Aufteilung eroberter Zentren erreichen kann, obwohl es doppelt so groß ist wie seine Verbündeten.

7. Die Möglichkeit, militärische und diplomatische Aktivitäten auf beiden Seiten des Spielplans zu beeinflussen.

Das ist nicht nur ein Vorteil, es ist sogar notwendig. Italien geht jeden Mitspieler direkt an. Wem wird England, wenn es vor dieser Wahl steht, wohl eher zuhören: der Türkei, die nicht mehr bietet als gute Wünsche, oder Italien, das Einheiten zur Verfügung hat, mit denen es direkt das Schicksal der englischen Nachbarn beeinflussen kann? Ein erfolgreiches Italien wird diplomatisch außergewöhnlich aktiv sein, indem es das Potential seiner zentralen Lage nutzt, um die Ereignisse auf dem ganzen Spielbrett zu beeinflussen. Oft kann Italien eine andere Macht dazu bringen, ihre gesamten Streitkräfte für einen gemeinsamen Angriff aufzuwenden, bei dem es selbst nur eine enizige Einheit stellt.

Deutschland und Österreich haben dieselbe Macht, aber sie werden normalerweise als viel gefährlicher angesehen als Italien, weil sie von Versorgungszentren umgeben sind und verschiedene Angriffsrouten zur Auswahl haben. Oft ist es den anderen Spielern lieber, Deutschland und Österreich schnell untergehen zu lassen, als das Risiko auf sich zu nehmen, daß einer der beiden unkontrollierbar groß wird. Weil Italien schwierig anzugreifen ist und umgekehrt auch schwieriger selbst angreifen kann, kann es aus seiner zentralen Lage besseren Einfluß ausüben.

Italien kann auch durch zurückhaltende Unterstützung Einfluß ausüben. Wenn es den Balkan für mehrere Jahre in Aufruhr sehen will, kann es seine Unterstützung immer wieder anderen Bündnissen geben - oder aktiv einen "Alle auf den Führenden"-Angriff ermutigen, in dem die beiden kleinsten Mächte sich gegen die größte zusammenschließen. Das kann viel Zwietracht unter den Balkanmächten säen und es für sie schwierig machen, ein Bündnis ohne italienische Hilfe aufzubauen - also ohne seinen Segen und seine aktive Beteiligung. So steuert es aus einer "neutralen" Position heraus die Mächte, weil ihm alle Seiten mehr oder weniger vertrauen.

8. Es steht nicht im Mittelpunkt.

Kein Land muß unbedingt durch Italien ziehen, um zu wachsen; ein geschicktes Italien kann die großen Konflikte von sich fernhalten, indem es sich selbst zu einem schwierigen Angriffsziel macht und aktive Diplomatie betreibt. Frankreich kann durch Deutschland ziehen, die Türkei durch Österreich oder Rußland. Wenn Italien seinen Nachbarn eine Alternative anbieten kann, werden sie froh sein, einen langen und relativ unergiebigen Krieg mit ihm vermeiden zu können. Das wird normalerweise bis zum Mittelspiel funktionieren, deshalb sollte Italien genau aufpassen, welcher Mitspieler einen Alleinsieg versuchen könnte; er wird es bald stabben, wenn er meint, daß er so am einfachsten 18 Versorgungszentren zusammenbekommt.

9. Tunis.

Ja, Tunis ist eine Stärke. Zusammen mit dem Tyrrhenischen Meer ist es eine zentrale Region, die die Ereignisse im gesamten Mittelmmer beeinflussen kann. Eine Flotte in Tunis kann sowohl nach Osten als auch nach Westen ziehen und so schnell die Kräfteverhältnisse im Mittelmeer verändern; sie kann sowohl Frankreich als auch die Türkei bedrohen und abschrecken. Eine Flotte in Tunis kann Italien helfen, das Ionische Meer zu halten, während sogar ihre bloße Anwesenheit in Tunis die Westgrenze verteidigt - nicht viele italienische Provinzen haben diese Macht. Tunis sollte nicht besetzt und dann automatisch wieder verlassen werden: es sollte als eine der Säulen der italienischen Strategie im Mittelmeer benutzt werden.

10. Venedig.

Venedig ist genauso wie Tunis ein Angelpunkt, aber ein kniffliger. Da es ein Heimatzentrum ist und direkt neben Triest liegt, kann Italien es als Vorwand nutzen, um in diesem Gebiet das ganze Spiel über eine Armee herumziehen zu lassen. Und diese Armee kann schnell zwischen den drei Fronten Tirol, Piemont und Triest wechseln, aber auch in den Süden ziehen, um die Heimat gegen einen Seeangriff zu verteidigen. Wenn Italien eine Armee in Venedig und eine Flotte in Tunis stationiert, kann es in nur einem Zug ohne Vorwarnung von einer scheinbar harmlosen Verteidigungsposition zu einem Angriffszug nach Osten oder Westen übergehen.

STRATEGIE

Jetzt, wo wir das Allgemeine erörtert haben: welche Strategie ergibt sich daraus? Hier ist eine Idee, wie man eröffnen könnte. Aber es gibt eine große Zahl anderer Möglichkeiten.

DIE FRENCH CONNECTION

Wenn eines der größten langfristigen Probleme Italiens die Möglichkeit ist, von einem Bündnis, das aus einem Eck des Spielplans heraus angreift, zerrieben zu werden, warum sollte es sich dann nicht selbst an die Stelle eines dieser Eckstaaten setzen? Greife also zusammen mit England und/oder Deutschland Frankreich an, und sei, wenn der große Angriff von Westen aus beginnt, ein Teil davon und nicht sein erstes Opfer.

Diplomatie im Frühjahr 1901

Bei einem Angriff auf Frankreich ist englische Hilfe unverzichtbar: Man braucht Flotten, um Frankreich schnell aufzureiben, Deutschland ist im ersten Jahr keine große Hilfe, und du selbst kannst Frankreich nicht unbedingt überraschen.

Was du aber tun kannst, ist, Frankreich mit einem Zweifrontenkrieg zu konfrontieren, was es in das klassische Herbst-Dilemma bringt, entweder Portugal/Spanien einzunehmen oder Brest/Marseilles zu verteidigen. Zu erreichen, daß Frankreich nicht aufbauen kann, ist beinahe so gut wie einen eigenen Aufbau zu bekommen.

Das einzige, was du nicht willst, ist, daß der Franzose A Mar-Pie befiehlt, denn das würde ihm erlauben, dich zu blockieren und im Herbst problemlos Spanien einzunehmen. Es solle aber nicht allzu schwierig sein, das zu vermeiden; er wird normalerweise auch nicht Mar-Pie befehlen wollen. Verlange auf jeden Fall die übliche entmilitarisierte Zone zwischen Frankreich und Italien. Erzähl Frankreich, daß du Frieden willst, daß ein Krieg zwischen Italien und Frankreich schwachsinnig ist (besonders für Italien), und daß du unbedingt entmilitarisierte Zonen in Marseille, Piemont, Golf von Lyon, West Med und Nordafrika sehen willst. Verlange vom Franzosen auch das Versprechen, in Marseille niemals aufzubauen, solange es nicht absolut unumgänglich ist - und selbst dann nur Armeen aufzubauen. Dein engagiertes und detailliertes Interesse an diesen entmilitarisierten Zonen sollte den Franzosen überzeugen, daß es dir ernst mit dem Nichtangriffspakt ist.

Bitte währenddessen den Briten um Hilfe gegen Frankreich. Stelle heraus, daß Frankreich einen Zweifrontenkrieg nicht gewinnen kann, und daß ein Zug der London-Flotte in den Kanal jeden französisch-deutschen Versuch einer Sealion-Invasion verhindern wird.

Solltest du Deutschland um Hilfe bitten? Vielleicht. Du willst natürlich nicht, daß Frankreich irgendetwas von deinem Plan mitbekommt, und Deutschland ist der heißeste Kandidat, um das weiterzuerzählen - es möchte England und Italien nicht unbedingt verbündet und auf drei Seiten seines Gebiets sehen. Außerdem hat Deutschland 1901 eine eigene Taktik, weil es zuerst einmal die ihn umgebenden neutralen VZs erobern will. Wenn du den deutschen Spieler darauf ansprichst, dann kundschafte nur seine Meinung zu dem Thema aus und erwähne deine Zusammenarbeit mit England lieber nicht.

Frühjahrszüge 1901
England: F Lon-Eng
Italien: A Ven-Pie, A Rom-Ven, F Nap-Ion

Strategie im Herbst 1901

Wenn man davon ausgeht, daß Frankreich wie üblich Bre-MAt, Mar-Spa, Par-Bur (oder -Pic) gezogen ist, muß er sich jetzt entscheiden, ob er Belgien und/oder die iberischen VZ angreifen oder seine Heimatzentren verteidigen will. Egal was er tut, wenn er sich falsch entscheidet, kostet ihn das einen Aufbau. Du und der Engländer könnt seine Beurteilung der Lage durcheinanerbringen, indem ihr euch übertriebener Sorgen schuldig bekennt und gute Absichten äußert, was ihn weiter verunsichern wird, ob ihr wirklich einen Angriff auf ihn plant oder diesen fortsetzen wollt.

England sollte auf jeden Fall Brest angreifen. Die Frage für Italien ist, ob es Marseille angreifen soll oder nicht. Ich werfe manchmal eine Münze, aber ich muß hinzufügen, daß die meisten Spieler von der psychologischen Seite gesehen eher den Verlust des Aufbaus für Spanien riskieren würden als eine italienische Armee in Marseille. Außerdem bewirkt eine französische Armee in Marseille, daß dort keine Flotte aufgebaut werden kann. Deshalb wird die beste Wahl vielleicht einfach ein Haltebefehl für die Armee in Piedmont sein. Das erlaubt dir auch jederzeit, dich auf eine friedliche Haltung gegenüber Frankreich zu berufen und ihn so noch etwas länger zu verunsichern.

Herbstzüge 1901
England: F Eng-Bre
Italien: A Pie H oder -Mar, F Ion-Tun, A Ven H oder -Pie

Aufbauten Winter 1901: im Winter baut ihr beide Flotten und greift Frankreich 1902 mit voller Kraft an. Wenn Frankreich entweder bei Brest oder bei Marseille falsch geraten hat, bekommt er nur einen Aufbau. Seine einzige Flotte sitzt vielleicht in Portugal fest, weit weg vom Ort des Geschehens. Mit dieser Behinderung kann er nicht euch beide bekämpfen - und wenn Deutschland auch noch mitmacht, wird er sogar noch schneller zusammenbrechen.

Bei der Aufteilung Frankreichs zwischen dir und England bilden die Gebiete Mittelatlantik / Gascogne / Burgund eine natürliche entmilitarisierte Zone, die eure Gewinne teilt - du bekommt Por, Spa und Mar, der Engländer Bre, Par und Bel. Falls es ein Dreierangriff war, bist du ebenfalls in der besten Lage, das Gerangel um die eroberten Zentren zu gewinnen: du kannst dich mit England oder Deutschland zusammentun, um den anderen gemeinsam aus den eroberten französischen Gebieten zu vertreiben, während es für England und Deutschland schwierig ist, dir dasselbe anzutun, was vor allem an der oben erwähnten entmilitarisierten Zone liegt.

Die Ostfront

Während du damit beschäftigt bist, Frankreich in Stücke zu schneiden, mußt du die Grenze nach Osten stabil halten. Hier ist der Trick, mitzumachen, ohne hineingezogen zu werden. Wenn du niemanden direkt bedrohst, wird jeder mit dir befreundet sein wollen.

Du wirst zwei Einheiten für den Osten brauchen - eine Armee in Venedig und eine Flotte im Ionischen Meer. Das wird deine Nachbarn davon abhalten, dich als Ziel auszusuchen. Diese Einheiten können eine Menge Verwüstung anrichten, ohne sich auch nur zu bewegen - Einheiten nach Griechenland und Triest unterstützen, vorhergesehene Bounces arrangieren, oder einfach gar nichts tun: solange Österreich dich nicht als Bedrohung betrachtet, bedeutet das für ihn, daß er eine Einheit mehr hat, um anderswo einzugreifen, selbst wenn du ihm nicht aktiv hilfst.

Dein Ziel: stelle sicher, daß auf dem Balkan keine Macht zu schnell zu stark wird. Falls Rußland und die Türkei sich gegen Österreich wenden, komme Österreich zur Hilfe, wenn die Türkei gierig wird, hilf Österreich und Rußland bei der Verteidigung.

Das Beste, was du tun kannst, ist, die Lage am kochen zu halten: ermutige Österreich, sich mit Rußland zusammenzuschließen, und Rußland, ein Bündnis mit der Türkei vorzugeben; dann ermutige Österreich, Rußland zu hintergehen und sich mit der Türkei zusammenzutun; dann ermutige Rußland, mit der Türkei Frieden zu schließen und mit dem treulosen Österreich abzurechnen, und so weiter. Wenn du es richtig anstellst, wirst du bald die einzige Person sein, der irgendjemand in der Region vertraut.

Das kann die Region in Aufruhr halten, so daß sich über lange Zeit kaum stabile Bündnisse bilden - lange genug für dich, um den Krieg im Westen zu gewinnen und mit aller Kraft nach Osten zu ziehen. Aber falls nötig, kannst du dir einen Verbündeten suchen und eine Lösung im Osten erzwingen - laß den Verbündeten die schwere Arbeit tun, was dir wiederum genug Zeit bringt, deine Angelegenheiten im Westen zu regeln und dann im Osten die entscheidende Kraft zu werden.

FAZIT

Da hast du es. Benutze Italiens Fähigkeit, einen Zweifrontenkrieg zu führen, um dich im Osten zu verteidigen, während du im Westen Frankreich als englischen Verbündeten ersetzt. Gebrauche aktive Diplomatie und überlegte militärische Eingriffe auf dem Balkan, um zu verhindern, daß sich dort eine ernstzunehmende Macht entwickelt, bevor du dafür gerüstet bist. Sehe klein aus, während du dich darauf vorbereitest, sehr, sehr groß zu werden. Das ist ein Weg, als Italiener zu gewinnen.

Es würde mich interessieren, ob diese Diskussion andere Spieler dazu veranlaßt, ihre eigenen Eröffnungen und Strategien für Italien vorzustellen. Vielleicht erlebt Italien dann eine, hm, Renaissance in Diplomacykreisen!

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