Strategisches Diplomacy - Teil II: Österreich-Ungarn
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von Harry Drews

ÜBERSETZT VON WALTER HENKE
 

Österreich-Ungarn (künftig: Österreich) ist eine sehr angenehme Ausgangsposition. Sehr schwach und verwundbar zu Beginn, kann es mit ein wenig Sorgfalt bis auf acht oder zehn Versorgungszentren hochgepeppelt werden. In dieser Mittelspielposition ist geschicktes Manövrieren zur Erringung des Sieges unerläßlich.

Die sinnfälligste Eigentümlichkeit Österreichs besteht darin, daß es eine ausschließliche Landmacht ist. Flotten sind ohne Wert und sollten auch dann nicht gebaut werden, wenn die Möglichkeit dazu besteht. Entweder ist Österreich mit einer Seemacht verbündet und besitzt demgemäß keine Flotten, oder es bekämpft eine Seemacht und ist dann im Flottenbau hoffnungslos unterlegen. Eine Ausnahme zu dieser Regel liegt dann vor, wenn Italien sehr schwach und keine andere Macht in der Lage ist, das Vakuum auf dem Mittelmeer auszufüllen. Betrachten Sie die geographische Lage Österreichs: Es wirkt wie ein zentral gelegenes Flachland, von Hindernissen umringt, die ohne Hilfe von außen nicht überwunden werden können, es sei denn, die Gegner versagen völlig. Diese Hindernisse sind die Schweiz und die Meere, die Österreich beinahe vollständig umschließen.

Wenn einem Spieler Österreich zugesprochen wurde, sollte er als erstes 18 potentielle Versorgungszentren auswählen. Zentren, die verhältnismäßig leicht erobert werden können, sind Serbien, Griechenland, Bulgarien, Rumänien und Warschau. Ebenfalls in Reichweite liegen Sewastopol, Moskau, München und Venedig. Doch ein direkter Konflikt mit einer oder mehreren der Mächte Deutschland, Rußland, Türkei oder Italien ist unvermeidlich. Zugleich können diese Länder unbewußt zu Steigbügelhaltern Österreichs auf dem Weg zur Macht werden. Die äußersten Grenzen denkbarer Ausdehnung sind St. Petersburg, Berlin, München und Neapel. Europa ist in zwei Teile geteilt, und siebzehn Zentren liegen auf der richtigen Seite dieser Grenze.

Da Österreich auf Hilfe von außen unbedingt angewiesen ist, muß das Potential jedes Nachbarn eingeschätzt werden. Deutschland als Bündnispartner kann bei der Eroberung der russischen Versorgungszentren behilflich sein. Seine Truppenpräsenz ist nicht wirklich erwünscht, da es sonst zu einer offenen Konkurrenz um die selben Versorgungszentren käme. Deutschland taugt am besten als Bollwerk gegen Frankreich und England, damit diese nicht als erste über die Ziellinie stürmen. Auch wenn Deutschland Rußland bedroht oder Rußland mit einem englischen Angriff beschäftigt ist, kann Österreich so eröffnen, daß es sich die russischen Versorgungszentren vor Deutschland sichern kann. Deutschland kann überdies die Unterstützung Schwedens für Sankt Petersburg neutralisieren. Deutschlands letztes Opfer auf Österreichs Weg zum Sieg sind Berlin und München. Es ist für Österreich nicht vernünftig, irgendwann skandinavische Gebiete oder noch mehr Versorgungszentren auf der europäischen Kontinentalebene erobern zu wollen. Zu leicht kann eine Stalemate Line gebildet werden.

Die Türkei kann für Österreich in der ersten Phase von Nutzen sein. Vom Schwarzen Meer und Armenien aus kann die Türkei jene Streitmacht aufbauen, die zum Aufschlitzen Rußlands nötig ist. Dennoch wird die Türkei nur zu ihrem eigenen und nicht zu Österreichs Nutzen tätig werden. Rumänien, Sewastopol und Moskau werden wahrscheinlich von der Türkei besetzt werden. Österreich bekommt nur Warschau und steht als nächstes auf dem türkischen Menü. Sehr unbefriedeigend. Die Türkei kann eine schlagkräftige Kombination aus Flotten und Armeen aufbauen und wird nicht gewillt sein, sich auf einen schwachen Durchgang durch das Ionische Meer nach Italien zu beschränken, der zudem noch leicht von Italien blockiert werden kann. Ein Bündnis mit der Türkei bedeutet für Österreich langfristig seinen Untergang.

Ist Rußland als dauerhafter Bündnispartner besser geeignet als die Türkei? Wir wollen sehen. Die Türkei kann recht leicht zerstückelt werden. Österreich bekommt Bulgarien und vielleicht Konstantinopel, aber das ist auch schon das Äußerste. Rußland ist dann in der Position, als nächstes Deutschland zu attackieren. Österreich hat die Möglichkeit, Italien anzugreifen oder Rußland in den Rücken zu fallen. Was hat Italien in der Zwischenzeit auf die Beine gestellt? Entweder hat es sich an der Zerrüttung der Türkei beteiligt und ist dann über Österreich gut informiert, oder es ist zu stark, um mit nur einer Flotte erobert zu werden. Wenn Italien verliert, ist seine typische Reaktion, Österreich Widerstand zu leisten und Frankreich in Land zu lassen. Jedenfalls ist Italien entweder zu stark oder Frankreich bekommt zuerst Appetit. Wenn Österreich ohne fremde Hilfe Rußland überfällt, ist das sein Todesurteil. Rußland hat die Stärke, die Türkei komplett zu übernehmen. Dann fallen in einem weiten Bogen von Konstantinopel bis Galizien die russischen Horden über das Kaiserreich her. Wie steht's mit deutscher oder englischer Hilfe gegen Rußland? Im Falle Deutschlands ergibt sich wieder das Problem, daß es zwei hungrige Mäuler, aber nur einen Truthahn gibt. Es ist richtig, daß Österreich die südlichen Versorgungszentren für sich beanspruchen kann, doch dann gibt es Krieg mit Deutschland. Wenn England gegen Rußland zur Hilfe kommt, ist Deutschland erledigt und ein englischer Sieg vorherbestimmt. Doch wir wollen gewinnen; ein zweiter oder dritter Platz ist unbefriedigend.

Wir kommen zu folgendem Schluß: Ein Bündnis mit der Türkei, Rußland oder Deutschland läßt Deutschland den kürzeren ziehen. Unsere einzige Hoffnung ist Italien. Es verfügt über die Flotten, die zur Zurückdrängung der Türkei erforderlich sind. Aber Italien ist kein Anwärter auf die russischen Versorgungszentren. Darüber hinaus kann Italien Frankreich angreifen. Wenn Österreich seine Hintertür im Auge behält, kann eine österreichisch-italienische Allianz Früchte tragen. Sollte sich das Verhältnis abkühlen, sind Österreichs Aussichten, einiges von Italiens Kriegsbeute einzusacken, nicht schlecht, insbesondere, wenn Italien und Frankreich in einen Krieg verwickelt sind. In den meisten Spielen sind die Chancen dafür recht hoch. Dieses Bündnis ist das einzige, das Österreich dominieren kann.

Schauen Sie sich noch einmal die 17 zuvor erwähnten, am ehesten in Frage kommenden Versorgungszentren an. Um 18 zu erobern, müssen die Türkei und Rußland zerschlagen werden. Entweder Deutschland oder Italien müssen den Rest liefern. Ein Krieg mit Deutschland kann nur vermieden werden, wenn deutsche Flotten bis ins Mittelmeer vorgedrungen sind und Italien ablenken, so daß sich Österreich Italien einverleiben kann. Nicht einmal ein Heiliger als Italiener würde so großzügig sein, alle Arbeit zu tun und die Früchte dann wegzugeben. Die Schlußfolgerung kann nur sein, daß Österreich nicht mit roher Gewalt allein gewinnen kann. Ein Spieler nach dem anderen muß überredet werden, Österreich das zu geben, was es nicht auf andere Weise bekommen kann.

Wir fassen zusammen: Die Türkei oder Rußland müssen als erste fallen; es ist besser, wenn der Türkei diese Ehre zuerst zuteil wird. Italien ist mehr als jede andere Macht geeignet, die für den Sieg nötige Schützenhilfe zu leisten. Dieses Bündnis kann Österreich am ehesten beherrschen. Gleichwohl sollte man dafür Sorge tragen, daß Italien nicht den Drang entwickelt, Österreich einzugemeinden. In puncto Diplomatie müssen durch süße Überredungskunst Österreichs vier Schwächen ausgeglichen werden: 1. die Anfälligkeit für eine schnelle Eroberung durch Italien, Rußland und die Türkei am Anfang des Spiels; 2. Probleme im Endgame bei der Eroberung der letzten vier oder fünf Versorgungszentren; 3. das unausgeglichene Verhältnis zwischen Flotten und Armeen; und schließlich 4. natürliche Hindernisse, die Österreich auf etwa die Hälfte des Bretts beschränken.

Es gibt einige Stärken der österreichischen Stellung. Das sind 1. eine gute Ausgangsposition für Verhandlungen: niemand fürchtet Österreich; 2. die beiden anderen schwachen Mächte, Deutschland und Italien, schirmen Österreich von Störmanövern aus dem Westen ab und stellen zu Beginn nur selten eine Bedrohung dar; 3. die Türkei und Rußland sind für österreichische Intrigen empfänglich, ein verhängnisvolles Bündnis beider Mächte kann verhindert werden.

Ursprünglich erschienen in Paroxysm 3 (März 1975).

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