Bündnisse: Rußland und Österreich
ZURÜCK

von Marc St Rose und Marcel van Vliet

ÜBERSETZT VON WALTER HENKE
 

Einführung

Dieser Artikel behandelt die Verwicklungen eines russisch-österreichischen Bündnisses. Wir wollen vor allem das "Warum" diskutieren und so einen Rahmen bieten, innerhalb dessen jeder selbst ein erfolgreiches Bündnis zwischen Rußland und Österreich auf die Beine stellen kann. Man sollte immer daran denken, daß "Regeln" niemals absolut gelten, doch werden Ihnen die folgenden Ausführungen ein tieferes Verständnis vermitteln. Nutzen Sie sie, wie Sie es für richtig halten.

Wir werden sowohl die russischen als auch die österreichischen Perspektiven erörtern. Wir stützen uns dabei auf Spiele der angesehenen Compuserve-Diplomacy-Gemeinde, in der wir beide mit Österreich einen Alleinsieg errangen, nachdem wir unserem russischen Verbündeten erfolgreich in den Rücken gefallen waren. Ein österreichisch-russisches Bündnis kann für lange Zeit erfolgreich bestehen, und Verrat ist, wie bei jedem Bündnis, nicht notwendigerweise die beste Wahl. Für Ihre Entscheidung sollte immer der Spielverlauf ausschlaggebend sein.

Ob nun mit Verrat oder ohne: Unsere Überzeugung ist, daß ein Bündnis zwischen Rußland und Österreich viel schlagkräftiger ist als das vielgefürchtete russisch-türkische.

Österreich-Ungarn - Erste Aktionen

Das erste Ziel jedes Erzherzogs muß es sein, zu überleben - nicht mehr. Übersteht Österreich den ersten Ansturm der russisch-türkischen Horden, stehen seine Chancen gut. Die Statistik weist für Österreich hohe Werte bei Alleinsiegen und frühem Ausscheiden aus, ebenso wie für Deutschland. Das nimmt angesichts seiner Mittellage auch nicht wunder. Die wichtigste Eigenschaft eines fähigen Österreich-Spielers ist seine gute Diplomatie. So wichtig Strategie und Taktik sind, sie sind nachrangig gegenüber der Diplomatie, da nur sie Österreich in den ersten Jahren das Überleben sichern kann.

Von Beginn an hat keine österreichische Stellung kurz- oder mittelfristig Aussicht auf Erfolg ohne wenigstens friedliche Beziehungen zu Italien entlang der Grenze Venedig-Triest. Das ist offensichtlich. Ohne Frieden mit Italien gibt es kein Österreich. Glücklicherweise gilt das gleiche für Italien, denn Italien hat einen hohen Preis zu bezahlen, wenn der Österreich-Spieler ein schlechter Verlierer ist und/oder sich entscheidet, gegen Italien Amok zu laufen. Sowohl Italien als auch Österreich sind gut beraten, dem "Anschluß"-Konzept zu folgen, das ein drei Gebiete - Tirol, Böhmen und Schlesien - einschließendes Friedensabkommen (bzw. DMZs = demilitarisierte Zonen) mit Deutschland vorsieht. Das gilt wenigstens für die erste Phase...

Gleichwohl sind Österreichs mittel- und langfristige Aussichten auf eine überlegene Stellung eng an sein Geschick geknüpft, schon früh ein Bündnis mit Rußland zustandezubringen. Das stärkste Argument hierfür ist, daß auf diese Weise Österreichs schlimmster Alptraum - ein russisch-türkisches Bündnis - verhindert wird.

Ein solches Bündnis herzustellen ist wohl für jeden Erzherzog die schwierigste Aufgabe. Doch es ist möglich. Seien Sie gesprächsbereit, freundlich und stellen Sie die Tatsache heraus, daß die Türkei sehr schwer im Zaum zu halten ist, wenn sie erst einmal fünf oder sechs Versorgungszentren erobert hat. Wenn Sie das Schreckgespenst auf dem Balkan und im Mittelmeerraum wütender türkischer Horden an die Wand malen, sollte Ihnen das auch das Ohr ihres italienischen Nachbarn gewogen machen. Bleiben Sie gegenüber Rußland in Ihren Botschaften freundlich, aber lassen Sie keinen Zweifel daran, daß Sie Ihre Heimaterde erbittert verteidigen werden. Der Russe sollte von Ihnen den Eindruck gewinnen, daß Sie keine Gefangenen machen.

Die Türkei wird immer versuchen, die Ausdehnung Österreichs oder Rußlands (oder sogar beider Länder) von Beginn an zu stören. Wenn der Türke am Anfang Rußland ins Visier nimmt, stehen die Chancen, daß er das Schwarze Meer und Armenien in die Hand bekommt, gut. Lenkt er seine Streitkräfte Richtung Österreich, sollte dem Erzherzog jedes Mittel recht sein, um den russischen Zar von der Notwendigkeit zu überzeugen, ihm bei der Verteidigung beizustehen. Bestechen Sie ihn, wenn nötig; bieten Sie ihm an, ihn bei der Eroberung von Versorgungszentren auf dem Balkan zu unterstützen (Bulgarien ist ein gebräuchlicher Köder).

Oft wird der russische Zar versuchen, herauszubekommen, wer der bessere Taktiker oder Spieler ist - Österreich oder die Türkei - und auf dieser Grundlage seine Entscheidung fällen, mit wem er 1902 ein Bündnis eingehen soll. Eine zähe österreichische Verteidigung im Osten kann Rußland auf die Seite Österreichs bringen, wenn der Zar den Eindruck gewinnt, daß Österreich nicht so schnell ins Wanken gerät. Der Erzherzog hat dann gute Aussichten, diese nervenaufreibende Aufgabe zu bewältigen, wenn Rumänien von einer russischen Flotte gehalten wird. Diese Flotte ist absolut harm- und nutzlos für russische Vorstöße ins Innere Österreichs. Wenn im Herbst 1901 in Rumänien eine russische Flotte ankert, haben Sie es fast geschafft.

Eiskönigin Rußland - Erste Aktionen

Rußland gut zu spielen ist nicht leicht. Als Russe repräsentieren Sie die einzige Macht mit einem möglichen Zweifrontenkrieg in verschiedenen Dreieckskonstellationen im Jahr 1901. Durch den Zugang sowohl zum Nordatlantik als auch zum Schwarzen (und Mittel-)Meer sind Rußlands Randlage und die vier Einheiten zu Beginn gerechtfertigt. Rußland ist ein starkes Land und hat Zugang sowohl zu den Versorgungszentren Skandinaviens als auch zum wichtigen Ballungsgebiet Balkan. So sieht sich Rußland neben seinen vier Nachbarn mit der Notwendigkeit konfrontiert, wenigstens einen engen Freund und, nicht minder wichtig, nicht mehr als zwei ausgewiesene Feinde zu haben.

Im Süden ist die Türkei der attraktivste Bündnispartner. Die russischen Armeen und türkischen Flotten können das Mittelmeer beherrschen und Rußlands Unterleib decken. Was die Loyalitätssicherung betrifft, wirkt die unangreifbare Flotte Sewastopol bei der Konversation mit dem Türken wahre Wunder. Rußlands größtes Pfund im Süden ist, daß sowohl Österreich als auch die Türkei mit Rußland eine Koalition anstreben. Zwar ist ein türkisch-österreichisches Bündnis nicht unmöglich, doch für gewöhnlich viel unwahrscheinlicher. (Wir haben keines erlebt, daß die Frühphase überstanden hätte.)

Normalerweise versucht Rußland wenigstens oberflächlich den Schein freundlicher Beziehungen mit der Türkei aufrechtzuerhalten. Es ist gleichwohl immer nötig, sich ein Bild über die Fähigkeiten des Österreichers zu verschaffen. Niemals sollte sich Rußland mit einem Österreich verbünden, daß nicht imstande ist, einen Feldzug strategisch sauber zu führen. Dann ist es schon besser, mit der Türkei zu koalieren und die leichte Beute zu teilen. In einem solchen Bündnis wird eher die Türkei die Hauptlast zu tragen haben - aber das ist gut so. Die Chancen stehen nicht schlecht, daß der Sultan seine Linien öffnet, vielleicht, indem er seine Flotte in Ankara in die Ägäis schickt, um Italien von Überfällen im östlichen Mittelmeer abzuhalten. Der folgende Überraschungsangriff sieht dann so aus: 1) Schicken Sie Ihre Flotte ins Schwarze Meer; 2) bauen Sie eine Armee in Sewastopol auf (mit der Idee, sie über Armenien nach Ankara zu ziehen). Er gelingt beinahe sicher. Daß das dezimierte Rest-Österreich nun zur Türkei hilft, ist unwahrscheinlich.

Die andere Möglichkeit ist ein Bündnis mit Österreich. Dies kann kurz- und mittelfristig sehr lohnend sein (wenn auch nur als Provisorium). Wenn z.B. Österreich in der Defensive einen starken Eindruck macht und die Aussichten eines erfolgreichen Angriffs zu Land gering sind, könnte der Zar zu einer freundschaftlichen Haltung "gezwungen" sein. Egal, ein erzwungenes Bündnis ist so gut wie jedes andere. Unserer Ansicht nach ist ein frühes russisch-österreichisches Bündnis so gut wie seine Spieler, aber im Mittel- und Endspiel viel schlagkräftiger als ein russisch-türkisches.

Die bloße Stärke einer russisch-österreichischen Allianz im Frühjahr 1902 führt zwangsläufig zum Zusammenbruch der Türkei. Die oben beschriebene Offensive im Schwarzen Meer macht alle türkischen Ambitionen, sich über Bulgarien hinaus auszudehnen, zunichte. Zwar sind die Seestreitkräfte gleich stark (zwei türkische Flotten gegen eine russische und eine österreichische), aber die österreichisch-russischen Armeen übertreffen die beiden türkischen um ein Vielfaches und umfassen sie aus zwei Richtungen.

Zusammenfassung der Eröffnung:

Eine "Checkliste" für eine russisch-österreichisches Bündnis

Rußland:

1. Stellen Sie wenn nicht freundschaftliche, so doch wenigstens neutrale Beziehungen zu England und/oder Deutschland her. Wenn möglich mit beiden.
2. Befördern Sie Auseinandersetzungen zwischen England und Deutschland.
3. Lassen Sie es 1901 nicht zu einem Krieg mit der Türkei kommen.
4. Sorgen Sie für ausgeglichene Aufbauten in Nord und Süd (am besten: A Sev, F StP(sc)).
5. Suchen Sie die Freundschaft Deutschlands; ihr zweiter Aufbau (für Schweden) ist LEBENSWICHTIG.

Österreich

1. Folgen Sie dem Anschlußkonzept, d.h. Einrichtung demilitarisierter Zonen mit Italien und Deutschland.
2. Lenken Sie Italien Richtung Westen.
3. Bauen Sie im Winter 1901 Armeen, keine Flotten!

Rußland und Österreich zusammen:

1. Halten Sie Ihr Bündnis vor den anderen Spielern geheim. Der "galizische Zusammenprall" A War-Gal, A Vie-Gal ist keine schlechte Idee.

Mittelspiel - Worauf Sie bei einem russisch-österreichischen Bündnis achten sollten

Von 1902 bis 1905 sollten die russisch-österreichischen Pläne klar angriffsorientiert sein. Die Interessen beider Parteien sind gleich, und wenn beide Seiten besonnen vorgehen, ist das Fundament für eine solide dauerhafte Allianz gelegt.

Hauptziel muß sein, die Türkei in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen. Nach einem blitzartigen Überraschungsangriff wird die Türkei zu nennenswertem Widerstand nicht mehr fähig sein, doch wird das russisch-österreichische Bündnis den übrigen Spielern nicht verborgen bleiben. Der Plan besteht darin, die Türkei zu zerschlagen, die Westgrenze zu sichern und, noch bevor jemand eingreifen kann, die erforderliche Anzahl an Armeen und Flotten aufzustellen. Die Hauptgefahren sind Italien, das Unheil ahnen und Österreich angreifen könnte, und England und Deutschland, die auf das russische Ausgreifen aufmerksam werden und sich verbünden könnten, bevor Rußland seine Nordgrenze befestigen kann.

Sekundäres Ziel ist das Überqueren der Linie München-Berlin. Wenn Deutschland von seinen westlichen Verbündeten im Stich gelassen wird, dürfte diese Aufgabe lösbar sein, vor allem dann, wenn im Norden die Initiative bei Rußland liegt und England beschließt, sich vor Deutschlands Zusammenbruch einige seiner Versorgungszentren einzuverleiben. Das Überschreiten der Linie München-Berlin ist die schwierigere der beiden Aufgaben. Doch sollte Österreich das Ruhrgebiet und Burgund oder Rußland Kiel und Dänemark besetzen können, braucht man die Gegenwehr der übrigen Mächte nicht zu fürchten; die Hauptgefahr ist vielmehr das Aufkommen von Zwistigkeiten im Bündnis selbst. Die Linie München-Berlin muß so schnell wie möglich durchbrochen werden, um den anderen Spielern die Überlegenheit des Bündnisses zu demonstrieren, noch bevor sich diese zu einer Defensivallianz zusammenschließen können.

Friedenserhaltung

Rußland muß sich darüber im klaren sein, daß Österreich die Hauptlast des Krieges gegen die Türkei auf russischen Schultern ruhen sieht, denn Österreich ist, was die Wegnahme Konstantinopels und der übrigen türkischen Heimatzentren betrifft, in keiner guten Position. Die Interessen beider Mächte sind dann im Einklang, wenn Rußland den Löwenanteil der frühen Beute erhält. Dabei könnte dem Zaren der Fehler unterlaufen, die Verteidigung entlang der Linie War-Ukr-Rum-Sev zu vernachlässigen. Der Abzug zu vieler Einheiten aus diesem Gebiet wäre für den Erzherzog eine Versuchung, der er kaum widerstehen könnte.

Um ein russisch-österreichisches Bündnis langfristig auf eine sichere Grundlage zu stellen, sollte der Kriegsverlauf in der Brettmitte ein Spiegelbild zum Türkei-Feldzug sein. Hier sollte Österreich die Hauptlast tragen (und die entsprechenden Früchte für sich verbuchen), unterstützt durch russische Einheiten. Dadurch wird Österreich im Zentrum genauso verletzlich wie Rußland im Süden: Weder der Erzherzog noch der Zar können ihrem Partner in den Rücken fallen, ohne den sofortigen Verlust von Versorgungszentren befürchten zu müssen.

Inzwischen wird Rußland im Norden von England unter Druck gesetzt werden. Die frühen Erwerbungen im Süden dürften in eine machtvolle Streitmacht im Norden umgewandelt worden sein. Beliebt ist der Aufbau einer Flotte in Sankt Petersburg (Südküste) im Winter 1901. Sie ermöglicht einen Angriff auf Deutschland und eine Vielzahl von Geleitzügen. Rußland sollte versuchen, die Kontrolle über die Ostsee (Bal) zu erringen, selbst wenn dies vorübergehend (1902/03) den Verlust Schwedens bedeutet. Die Ostsee ist Deutschlands Achillesferse und ein Schlüssel zur letztlichen Hegemonie in Skandinavien, vor allem dann, wenn Deutschland im Winter 1901 keine zweite Flotte aufgebaut hat. Dies könnte Gelegenheit für ein weiteren Verrat bieten (halten Sie Ihre Krallen scharf, russischer Bär) und macht Österreichs Hilfe im Krieg gegen Deutschland (spätestens 1903) um so entscheidender.

Verteilung der Versorgungszentren zwischen Rußland und Österreich, bei gleicher Aufteilung:

Rußland: Mos, StP, War, Sev, Ank, Con, Rum, Swe, Ber (8)
Österreich: Bud, Tri, Vie, Ser, Gre, Bul, Smy, Mun (7)

Für Anfänger. Rußland sollte den Süden mit wenigstens zwei Einheiten bewachen und sechs Einheiten zum Vormarsch in Mittel- und Nordeuropa veranschlagen. Im Norden sollten wenigstens zwei Flotten bereitstehen, ferner wenigstens eine Armee. Für eine Offensive im Norden ist eine weitere Einheit (Flotte oder Armee) unabdingbar. England wird das Gros seiner Streitmacht gegen Sie werfen (wenigstens vier Einheiten, überwiegend Flotten). Rußland erhält die Mehrzahl der türkischen Zentren, was Rußland zu einem weiteren Versorgungszentrum verhelfen könnte (Smyrna). Gleichwohl empfehlen wir, Smyrna Österreich zu überlassen, nicht nur zur Aufrechterhaltung eines annähernden Gleichgewichts und damit Österreich die dringend benötigte Flotte aufbauen kann, sondern auch, damit Österreich im Süden über Versorgungszentren verfügt und somit bei einem Stab während des Mittelspiels etwas zu verlieren hat.

Eroberungen im Zentrum werden nur langsam gelingen und heiß umkämpft sein. Österreichs zweite Front mit Aussicht auf rasche Expansion (neben dem Balkan) ist Italien. Während der Zar die Vorherrschaft im Norden anstrebt, sollte der Erzherzog während des Mittelspiels - in Vorbereitung eines Italienfeldzugs - seine Seestreitmacht rund ums Ionische Meer in Stellung bringen.

Der Dolchstoß - Hüten Sie sich vor (sehr) langen Messern

Die Ausgangspositionen der Türkei, Frankreichs, Englands und Rußlands bieten aufgrund ihrer Randlage Vorteile. Die langfristigen Möglichkeiten Österreichs, Deutschlands und Italiens werden durch die Tatsache aufgewertet, daß sich ihre Heimatzentren in relativer Nähe zu den Hauptkriegsschauplätzen befinden.

Deshalb ist es auch nicht schwer zu verstehen, warum ein russisch-österreichisches Bündnis eher von Österreich als von Rußland gebrochen wird. Neu aufgebaute österreichische Kräfte befinden sich für den Zug gen Osten wahrscheinlich in einer besseren Position als umgekehrt neuaufgestellte russische Einheiten.

Die Verhinderung des Stabs ist deshalb Angelegenheit beider Bündnispartner. Man kann keine Allianz mit der Absicht aufbauen, später einen Anschlag darauf zu verüben. Das starre Festhalten an einer solchen Strategie endet höchstwahrscheinlich mit der eigenen Niederlage. Es gibt einige Dinge, die die Partner eines russisch-österreichischen Bündnis tun können, um dessen Erfolg und Dauer zu gewährleisten.

Was Österreich betrifft:

1. Lassen Sie nicht zu, daß sich Italien in den Ostfeldzug gegen die Türkei einmischt. Das lädt zu einem russisch-italienischen Angriff auf Österreich ein.

2. Vermeiden Sie einen Konflikt mit Italien, bis die Türkei endgültig besiegt ist. Eine solche Auseinandersetzung läßt Österreichs Wert in den Augen des Zaren sinken. Denn Rußland leistet wirklich die Hauptarbeit im Krieg gegen die Türkei und könnte wenig Neigung verspüren, ein geschwächtes Österreich zu unterstützen.

3. Lassen Sie sich nicht zu sehr in einen Krieg mit Deutschland hineinziehen, und vor allem nicht zu früh. Rußland erhält den Löwenanteil aus der türkischen Beute. Expandiert Österreich zu aggressiv nach Norden, könnte es sich an beiden Fronten in der denkbar schlechtesten Lage wiederfinden: unzureichende Kräfte zur Verteidigung des Balkans und extreme Verletzlichkeit der Neuerwerbungen im Norden (München, Berlin), und das nicht nur gegenüber Rußland, sondern jeder anderen kampffähigen Macht.

Was Rußland betrifft:

1. Überlassen Sie in der Eröffnung nicht Österreich die Initiative. Das absolute Minimum ist die Besetzung Rumäniens. Und wenn in Rumänien eine Armee ist, wird sie Österreich lange bei der Stange halten, vor allem weil Bulgarien meist Österreichs erste Beute im Krieg gegen die Türkei ist.

2. Bauen Sie im Süden keine Flotten. Schicken Sie die südliche russische Flotte nicht in den Osten der Türkei [so steht es im Original, aber "Westen" ergäbe deutlich mehr Sinn, d.Ü.], selbst wenn Österreich dazu auffordert. Eine Flotte und eine Armee sollten genügen, um die Türkei sicher und dauerhaft im Schoß von Mütterchen Rußland zu festzuhalten. Drei Einheiten sind kein hoher Preis, wenn es um die Bewachung einer so langen Südgrenze geht.

3. Dringen Sie nicht zu tief in deutsches Gebiet vor. So lange Skandinavien nicht gesichert ist, kostet der Besitz deutscher Versorgungszentren mehr als er einbringt, es sei denn, der erzherzögliche Verbündete marschiert zur gleichen Zeit nach Westen. Außerdem: Wenn Rußland auf ein Mal in der Türkei, Skandinavien UND Deutschland steht, ist dies die beste Voraussetzung für ein plötzliches westliches Dreierbündnis, von der Ratlosigkeit des armen Herzogs, wie er sich demgegenüber zu verhalten habe, ganz zu schweigen.

Die Schlußphase - Pattlinie in Sicht

Ein wirklich schwieriges Ziel des Bündnisses ist zu verhindern, daß sich Pattlinien bilden. Der Nachteil des Bündnisses ist, daß es in punkto schlagkräftiger Seestreitmacht etwas schwach auf der Brust ist. Zu Land sind Rußland und Österreich unbesiegbar, zu See kann das schon ganz anders aussehen. Die russischen und österreichischen Flotten befinden sich in unterschiedlichen Regionen und können einander beim Durchbruch in die Nordsee oder das Nordmeer bzw. das Westliche Mittelmeer oder den Mittelatlantik nicht helfen.

Das wahrscheinliche Ergebnis einer russisch-österreichischen Allianz ist die Zerschlagung Deutschlands und die Herausbildung eines gesunden Englands und starken Frankreichs. Das bedeutet, daß Nordsee und Nordmeer einerseits, westliches Mittelmeer und Mittelatlantik andererseits erbittert verteidigt werden - unglücklicherweise: denn es sind strategisch überaus wichtige Gebiete; und wenigstens eines davon muß erobert werden, um ein 17:17-Unentschieden herbeizuführen. Kann Rußland England im Norden knacken oder Österreich Italien zügig besetzen (und dabei Flotten bauen), stehen die Chancen gut. Viel Glück!

Fazit

In der Vergangenheit sind die Möglichkeiten russisch-türkischer Bündnisse, wenn sie zustandekamen, erfolgreich genutzt worden; gleichwohl verfügt eine russisch-österreichische Koalition über weit mehr Schlagkraft, wenn es ihr gelingt, die Türkei früh zu zerschlagen und das Mittelspiel zu überstehen. Ein solches Bündnis besitzt ebenso den Vorteil der Randlage wie das russisch-türkische, leidet aber nicht unter der großen Entfernung zwischen den türkischen Heimatzentren und den Hauptkriegsschauplätzen im Mittelspiel. Nach unserer Erfahrung macht dieser Vorteil russisch-österreichische Bündnisse etwas weniger stabil und zum Gegenstand maritimer Störmanöver der anderen Mächte. Andererseits ist das Bündnis auf dem Land durch seine vielen Armeen unschlagbar. Falls irgendein Leser uns einmal als Russe oder Österreicher begegnet, möchten wir ihn ermutigen, sich mit uns zu verbünden und sich davon zu überzeugen, wie diese rasende Dampfwalze über das Brett rollt!

Ursprünglich erschienen auf der Website "Diplomacy World".

ZURÜCK