Anschluß
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von Richard Sharp

ÜBERSETZT VON SEBASTIAN BEER
 

Mein Beitrag zur Erweiterung der Eröffnungstheorie in diesem Monat sollte eigentlich weniger umstritten sein als meine letzten zwei, da er sich eher mit Strategie beschäftigt als mit diesen gräßlichen taktischen Problemen, mit denen Roy Taylor so schlecht zurechtkommt.

Meine Theorie lautet, dass Deutschland und Österreich zu Beginn einer Partie soweit als möglich wie ein Land gespielt werden sollten.

Deutschland kann sich mehr als jedes andere Land nahezu sicher sein, 1901 nicht angegriffen zu werden. Natürlich kommt es hin und wieder vor (z.B. durch irre Angriffe von Bündnissen wie Frankreich/Italien oder leichtsinnige Attacken durch den Zar), passiert aber extrem selten.

Österreich kann sich andererseits beinahe sicher sein, daß es 1901 von irgendeiner Seite angegriffen wird. Von Russland oder Italien, oder von beiden zugleich, oft tatkräftig unterstützt durch den Sultan. Das rasche Ausscheiden Österreichs, das unweigerlich die Folge ist (es sei denn, Österreich vertraut auf die Hedgehog-Eröffnung) ist verheerend für Deutschland. Meine Untersuchungen zu diesem Thema zeigen nämlich, daß Deutschland tatsächlich in Spielen, in denen Österreich früh eliminiert wurde, einen viel schwereren Stand hat. Diese Analyse habe ich leider verloren, daher wird man mir einfach glauben müssen. Und da Deutschland in der beneidenswerten Lage ist, 1901 zwei Zentren erobern zu können, ohne dabei auf die Armee in Mun zurückzugreifen, sagt einem eigentlich schon der gesunde Verstand, daß diese Armee Österreich zur Verfügung gestellt werden sollte.

Normalerweise wird sie dann nach Tyr gezogen, was jedoch auch zu Mißverständnissen führen kann, zum Beispiel wenn Roy Österreich spielt. Wenn man sich mit Österreich also nicht darauf einigen kann, die Armee nach Tyr zu schicken, ist es eine recht gute Alternative, die Armee dort zu lassen, wo sie ist. Das kann auf mehrere Arten geschehen; eine Blockade in Burgund ist mein persönlicher Favorit, aber Frankreich hat da oft etwas dagegen, in der begründeten Befürchtung, daß England dann im Herbst 1901 als einzige Konfliktpartei eine an Bel grenzende Einheit hat. Exotischere Varianten sind Blockaden in Sil oder sogar Pru; oder auch einfach das prosaische A Mun hält.

Aber viel wichtiger als der tatsächliche Zug ist der diplomatische Vorteil, den Deutschland durch die Drohung mit ihm erlangt. Ich beginne meine Spiele als Kaiser immer, indem ich mit Österreich und Italien gleichzeitig verhandle, und ihnen mitteile, daß ich in der Anfangsphase keine Konflikte zwischen den beiden sehen möchte, und daß ich, sollte einer von ihnen nach Tyr ziehen, meine A Mun dem anderen zur Verfügung stellen werde. Österreich lädt mich daraufhin für gewöhnlich auf einen Drink ein; es ist eher Italien, das Schwierigkeiten macht.

Ich persönlich würde, als Italiener mit einem derartigen Ultimatum konfrontiert, dazu tendieren, zu akzeptieren und gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Faktum ist nämlich, daß diese eine Einheit sich sehr nachteilig auf die Angriffschancen Italiens auswirkt. Und Deutschland hat noch einen weiteren Trumpf im Ärmel.

Der Deutsche informiert Rußland, daß er nach Dänemark eröffnen wird (noch einmal: ich sehe keine Alternative zu Kie-Den; der Zug nach Hol ist aus mehreren Gründen einfach schlecht). Außerdem erklärt er, daß er im Herbst den russischen Zug nach Swe nicht blockieren wird, es sei denn, Russland marschiert im Frühling 1901 in Gal ein (oder versucht es). Das ist wiederum eine mächtige Drohung: Rußland braucht nämlich Schweden dringend, da ein osmanischer Angriff auf Russland heutzutage so üblich ist. Wenn ich als Italiener also überzeugt bin, daß Deutschland in Mun stehen bleibt und Rußland nicht in Gal einfällt, dann werde ich Österreich nicht angreifen. So einfach ist das.

Manche versuchen es natürlich. In der Partie BDC 41I antwortete Nicky Palmer (Italien) auf mein Ultimatum kurz und bündig ich könne ihn mal, und griff Österreich trotzdem an. Er war nach kurzen und heftigen Auseinandersetzungen gezwungen, den Angriff wieder abzublasen. (Während der Scharmützel beorderte Österreich übrigens seine Münchner Söldnereinheit nach Bur, was Frankreich sehr verärgerte, aber das nur am Rande.) Im diesjährigen Face-to-Face-Finale bei der MidCon versuchte Pete Cousins (Italien) ebenfalls, den Angriff auf Österreich durchzuziehen, obwohl er versprochen hatte, davon abzusehen, und dieses Mal funktionierte der Gegenangriff so gut, daß er beinahe außer Kontrolle geriet und Mike Ingham (Österreich) um ein Haar gewonnen hätte.

Aber das übliche Ergebnis dieser Strategie ist ein Dreierbündnis: Ö und D gegen R, Ö und I gegen T, D und I gegen F, mit einem Deutschland, das dafür verantwortlich zeichnet, England, Frankreich und Rußland gegeneinander auszuspielen. Bemerkenswerte Dinge können geschehen: BD3 (Bellicus) endete in einem Zweier-Draw zwischen D und I, nachdem Österreich ausgeschieden war; Deutschland hatte Einheiten in Eng, Pic und Bur mit französischer Erlaubnis. In BDC 55 gewann Österreich bereits 1905, Deutschland (ich) wurde durch die erbärmliche Vorstellung Rußlands vernichtet, das Österreich sämtliche Zentren überließ, bevor ich stark genug war.

Der Schlüssel zum Erfolg dieser Eröffnung ist natürlich Verhandlungsgeschick. Wenn man nicht gut genug darin ist, um England nur mit Worten gegen Rußland und Frankreich auszuspielen, sollte man sie vergessen - England hätte ohne Widerstand ein zu leichtes Spiel. Aber wenn man, so wie ich, süchtig danach ist, Deutschland zu spielen, und das Gefühl zu genießen weiß, dem Inferno inmitten zu sitzen, und zu musizieren, während Europa brennt, sollte man die Anschluß-Eröffnung als strategischen Grundgedanken in Erwägung ziehen.

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