Schlechte Eröffnungszüge gibt es gar nicht

Zu Sebastian Beers Artikel "Die schlechte Eröffnung"

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von Dietmar Helbig und Markus Jauernig
 

Zuerst einmal möchte ich mich bei Timo Müller für sein Engagement bedanken, auch eine deutschsprachige Sammlung von Strategieartikeln zusammenzustellen, und damit nicht zuletzt auch bei uns endlich zum Entstehen von Fachdiskussionen beizutragen. Ich bin sicher, daß dies nicht nur neuen und unerfahreneren Hobby-Diplomaten den schnelleren Einstieg ermöglicht und ihnen einige mühevolle Lehrspiele einspart, sondern darüber hinaus auch einen wesentlichen Beitrag zur Anhebung des gesamten Spielniveaus darstellt, um so auch das deutschsprachige Diplomacy im internationalen Vergleich zu etablieren.

Doch nun zu meiner Ansicht über Sebastian Beers Artikel über schlechte Eröffnungszüge. Da ich in der Folge auf viele Punkte aus seinem Artikel direkt eingehen werde, empfehle ich diesen Artikel als Voraussetzung für das hier Geschriebene zu lesen.

Einerseits bewundere ich es durchaus, wenn mutige und vermutlich auch bewußt provokante Schritte unternommen werden, um festgefahrene Meinungen oder Pfade in Frage zu stellen. Schließlich sind es solche Leute, die, egal auf welchem Gebiet auch immer, den Fortschritt und die Weiterentwicklung vorantreiben oder zumindest das Terrain dafür ebnen.

Andererseits möchte ich auch mein Unbehagen nicht verbergen, welches ich beim Lesen dieses Artikels über "Schlechte Eröffnungen" empfand. Unbehagen sowohl im Hinblick auf die Züge, die besprochen wurden, als auch im Hinblick auf die jeweilige Argumentationskette. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Artikel die Provokation bewußt über den realen Aussagewert stellt, zumal zumindest zwei der drei besprochenen Züge auch aus meiner Sicht absolut zu den Standards gehören.

Bezugnehmend auf meinen ersten Absatz über den Sinn eines Strategie-Forums muß man aber doch die Frage stellen, für wen ein Artikel denn eigentlich geschrieben ist.

  • für Einsteiger oder wenig erfahrene Spieler, um ihnen eine Hilfestellung zu geben?
  • oder für gestandene und verhandlungserprobte Diplomaten, um eine Fachdiskussion zu eröffnen?
  • In der vorhandenen Form halte ich Artikel wie diesen daher für problematisch. Zu leicht verleiten sie unerfahrene Spieler dazu, solche Denkansätze als Dogma zu betrachten. Für den Beginn einer fachlichen Diskussion hingegen sind die argumentativen Ketten aus meiner Sicht unzureichend, nicht schlüssig und sogar widersprüchlich.

    Ich möchte in meiner Argumentation beginnen, indem ich einem Ansatz von Sebastian ganz grundsätzlich widerspreche: Einzelne Züge aus dem Gesamtkontext zu reißen, ist niemals zulässig und zwar gleich in mehrfacher Hinsicht nicht. Weder darf man die Züge unabhängig von den Bewegungen der sonstigen Einheiten einer Nation betrachten. Noch und schon gar ist es zulässig, Züge unabhängig von den diplomatischen Rahmenbedingungen zu betrachten. Obwohl in besagtem Artikel auf die sonstigen Züge einer Nation sehr wohl immer wieder Bezug genommen wird, kommt der Bezug zur diplomatischen Gesamtsituation nahezu nie ernsthaft zur Diskussion. Es ist aber beispielsweise absolut üblich, am Verhandlungsparkett bewußt taktisch schlechte Aufstellungen einzelner Einheiten zu vereinbaren bzw. dies auch zu akzeptieren. Genauso wie man neutrale Zonen vereinbart, Einflußbereiche festlegt oder sogar die jeweilige Flotten- oder Armeestärke gegenseitig beschränkt. Und gerade in der ersten Runde sind solche Möglichkeiten mannigfaltig existent und auch sinnvoll. Warum? – Weil ich in der ersten Runde noch von niemandem gestabbt werden kann (Ausnahme I und Ö) und damit bei Nichteinhaltung einer Vereinbarung sofort sehe, aus welcher Richtung der Wind weht.

    Ein Beispiel gefällig? – Als D kann man z.B. für das Nichtblockieren des R in Swe ein Zugeständnis verlangen. Je nach strategischer Zielsetzung könnte das etwa ein Zug Mos-StP sein, oder vielleicht ein Bounce in Bla oder Gal – sogar ein Abzug War-Ukr wäre denkbar. Umgekehrt wird sich R versichern wollen, daß er gar nicht gebounct werden kann und verlangt daher, daß kein Kie-Den erfolgt. Selbst wenn sich nun einer nicht an diese Vereinbarung hält, ist für den anderen noch nicht viel passiert. Wer allerdings unzuverlässig ist, hat sich dann bereits nach nur einem Zug herauskristallisiert.

    Ähnliche Möglichkeiten hat nahezu jedes Land mit jedem. R und E rund um Nwy, D und F in Bur, Ö und I in Tri oder Tyr usw. Ich habe eine Partie erlebt, in der R dem F "verboten" hat, in der ersten Runde Spa oder Por einzunehmen; als Gegenleistung wurde E aus Nwy gebounct, da F einen sofortigen Überfall auf E plante. (R hatte in dieser Partie den strategischen Plan eines Dreibundes F/R/I und wollte das Zugeständnis, daß eines der beiden iberischen VZ an I geht.) Objektiv schlechte Eröffnungszüge existieren daher überhaupt nicht – allenfalls existieren für Außenstehende nicht logisch nachvollziehbare Züge, weil sie Bestandteil einer oder mehrerer diplomatischer Vereinbarungen sind (ob bestimmte diplomatische Vereinbarungen jedoch gut oder schlecht sind, steht auf einem anderem Blatt Papier).

    Aus diesem Aspekt heraus liegt mir viel daran, noch einmal einen wesentlichen Punkt zu verinnerlichen: Diplomacy ist nicht Risiko und auch nicht Schach und auch nicht einmal ansatzweise damit vergleichbar. Deterministisch festgelegte, von außen beurteilbare gute oder schlechte Züge existieren hier nicht. Die Diplomatie ist das Mittel zum Zweck und dabei führen manchmal auch Umwege zum Ziel. Und sogar im Schach hat Emmanuel Lasker (ein deutscher Weltmeister der Vorkriegszeit) einmal formuliert, daß es nicht immer objektiv beste Züge gibt, sondern die Qualität des Zuges vom psychologischen Empfinden des Gegners abhängt.

    Nun zu den konkret besprochenen Zügen:

     

    Variante 1: F Lon-Eng

    Ein in Diplomacy-Kreisen verbreiteter Slogan lautet: "Erzähl dem Franzosen (als Engländer), was immer er hören will, und zieh dann in den Kanal". Ich glaube sogar, mich erinnern zu können, daß ich einmal im Diplomatic Pouch einen Artikel dazu gelesen hätte – Timo kann dazu vielleicht besser Auskunft geben.

    Einen der grundlegendsten Auffassungsunterschiede zwischen Sebastian und mir liegt offenbar in der Bedeutung von VZ-Gewinnen. Es gibt gleich ein paar Nationen, die im ersten Jahr auch ohne Aufbau klarkommen können, aber England ist sicher diejenige, der es am leichtesten fällt. Praxisbeispiele dafür gibt es genügend – auch auf Ludo. Markus Beisser hatte etwa mit E dieses "Problem" in Partie 151 und stand dennoch bereits 1908 knapp vor dem Einzelsieg, der ihm gerade noch entrissen werden konnte. (Er wurde danach mit 11 VZ "nur" Zweiter.)

    E kommt vor allem deshalb gut ohne Aufbau zurecht, da er ein bestens geschütztes Heimatland hat, das meist nur mit einer deutlichen Überlegenheit an Einheiten gewaltsam einzunehmen ist. (Bei einem Stab reichen natürlich weniger Einheiten.) Die Armee auf der Heimatinsel verteidigt exzellent und Flotten in Nth und Eng bedrohen in Summe fünf auswärtige VZ, was Rückzüge für potentielle Angreifer problematisch macht.

    Gerade E braucht daher zu Beginn der Partie nicht von einem übertrieben expansionistischen Ehrgeiz beseelt zu sein und hat selbst bei Ausbleiben eines Aufbaus noch alle Türen offen. Warum man also laut Sebastians Artikel mit allen Mitteln die Eroberung von Nwy gegen jede nur erdenkliche Konstellation durchsetzen muß, ist für mich nicht schlüssig.

    Der Artikel unterstellt weiters, daß der Zug Lon-Eng bereits direkt gegen einen Nachbarn gerichtet ist. Nun, jeder Zug geht in irgendeine Himmelsrichtung und nähert sich damit einem potentiellen Gegner (außer vielleicht ein osmanischer Zug nach Syrien). Damit ist jeder Zug bereits gegen irgendwen gerichtet. Aber diese Indikation ist doch unsinnig. Ist ein österreichischer Zug Vie-Gal gegen R gerichtet? Oder ist das Halten der italienischen A Ven feindselig gegen Ö (immerhin bedroht die Einheit in Ven damit auch im nächsten Zug noch das VZ Tri)? In vielen Fällen wird nicht einmal ein Zug Ven-Tyr als feindselig gegen Ö empfunden.

    Züge können offensiven und defensiven Charakter haben. Um sich gerade in der Anfangsphase vor frühen Überfällen zu schützen, sind defensive Züge und manchmal auch Bounces an neuralgischen Punkten (z.B. Eng, Bla, Bur, Gal, Tri, Ven, Pie) durchaus sinnvoll. Betrachten wir den Zug Lon-Eng als defensiver Natur, so werden von E also 33% seiner Kräfte für defensive Aufgaben eingesetzt. Ist das übertrieben? Ich habe viele Österreicher gesehen, die im ersten Zug gar 67% Ihrer Kräfte defensiv einsetzen (Bounce in Gal und Ven), und auch R bounct oft mit zweien seiner vier Einheiten (Bla, Gal). Wer immer nach dem Motto agiert, alle Einheiten in die Schlacht zu werfen, um neue VZ zu erobern, wird anfällig gegen Stabs sein.

    Und will man nicht, daß F einen Zug Lon-Eng feindlich auffaßt, setzt man ihn eben davon in Kenntnis, damit er ihn bouncen kann. Ich habe das z.B. in der Partie 211 als E gegenüber F gemacht – dieser aber hatte andere Pläne (schnelles Vorankommen im Süden) und lies mich nach Eng einziehen. Er hatte sein Vertrauen daraus gewonnen, daß ich von Anfang an auf meine defensiven Absichten hingewiesen und einen abgesprochenen Bounce angestrebt hatte. Ich bin einen Zug später wieder aus dem Kanal abgezogen und habe mit F in dieser Partie lange Jahre zusammengespielt.

    Dies stellt auch die These in Frage, daß nur ein Zug Liv-Wal in Verbindung mit Lon-Eng sinnvoll ist. Denn wie sich der Artikel ja im gleichen Absatz selbst widerspricht, steht man nach dem Bounce im Kanal mit A Wal und F Lon nun ziemlich dumm da. Selbiges gilt meiner Auffassung nach aber auch für das Szenario, in dem man nach Nrg, Nth und Yor zieht und im Falle einer französischen Flotte in Eng unbedingt mit Yor-Lon decken soll. Nwy hat man dann mit einer Flotte einnehmen müssen (mit welcher denn bitte? Sollte Nrg in diesem Fall laut Aussage zum Thema Sealion ein paar Absätze später nicht Nth stützen?) und die A Lon blockiert dieses VZ sogar für einen Aufbau. – Um wieviel lieber ich da nicht in ENG gebounct hätte.

    Warum im Sinne der Maximierung der Möglichkeiten bei der von Sebastian vorgeschlagenen ("einzig sinnvollen") Zugvariante nach Nrg, Nth und Yor im Übrigen auch nur A Liv-Yor in Frage kommen soll und nicht das flexiblere Liv-Edi (Konvoi über beide Flotten möglich), um Landungsmöglichkeiten sowohl in Bel als auch Nwy offen zu halten, ist für mich auch nicht schlüssig. Allzu oft ist es nämlich durchaus möglich, als E das umstrittene Bel diplomatisch zugesprochen zu bekommen (durch Unterstützung von der einen oder anderen Seite), doch wird meiner Erfahrung zufolge vom Unterstützer nahezu immer darauf bestanden, es mit der Flotte zu nehmen (wieder so ein Fall von "man bekommt etwas für das Zugeständnis einer beeinträchtigten taktischen Operationsvielfalt"). In diesem Fall könnte ich Nwy nun auch nur mehr mit der Flotte nehmen, da ja von Yor via Nrg kein Konvoi mehr möglich ist.

    Doch gerade hier liegt manchmal auch der Sinn des bewußten ("schlechteren") Liv-Yor. Man schränkt seine eigenen Möglichkeiten absichtlich ein und sendet ein deutliches Signal an F, daß man gar kein Interesse an Bel (oder gar einem Konflikt mit F) hat, sondern geradewegs nach Rußland unterwegs ist (Yor via Nth nach Nwy und Nrg-Bar). So würde ich diese Eröffnung im Übrigen auch als Russe auffassen, nämlich als feindlich mir gegenüber.

    Zu guter Letzt kann ich nicht sehen, warum der Zug Lon-Eng, wie Sebastian schreibt, die "eigenen Reihen durcheinander wirbelt". Es gibt wohl keine kompaktere Aufstellung ohne Schwäche oder Vernachlässigung einer Front als jene mit F Eng, F Nth und A Yor nach dem Frühjahr 1901.

    Alles in allem ist für mich die Argumentation aus Sebastians Artikel nicht nachvollziehbar und ich kann nur jedem empfehlen, F Lon-Eng im Frühjahr 1901 als durchaus brauchbare Möglichkeit abhängig von den diplomatischen Rahmenbedingungen in Erwägung zu ziehen, ohne daraus ein Dogma zu machen.

     

    Variante 2: F Kie-Hol

    Hier fühle ich mich ja fast schon persönlich betroffen, denn ich gehöre zu jenen Spielern, die diesen deutschen Zug bevorzugt anwenden.

    Deutschland ist, wie jede Mittelmacht, aus meiner Sicht eine schwer zu spielende Nation, die viel Diplomatie und Fingerspitzengefühl benötigt. Mit F, E und R hat man gleich drei Nachbarn, die bei entsprechend unvorsichtigem Umgang unheimlich schnell zu einer lebensbedrohlichen Dampfwalze avancieren können. Umso wichtiger ist es, von Anfang an eine geschickte Bündnispolitik aufzuziehen, die eine gute Mischung aus Freundschaft und Abschreckung beinhaltet.

    Vermutlich muß ich aber noch etwas vorausschicken. Entgegen meinen eigentlichen Prinzipien gibt es für mich nahezu ein Dogma, doch wollen wir es doch lieber bei der Bezeichnung These belassen: das Herausbouncen des Russen aus Swe ist schlecht für Deutschland. Der Grund für diese Auffassung ist, daß gerade Deutschland bestrebt sein muß, ein feines Kräftegleichgewicht aufrechtzuerhalten, bei dem jeder am ehesten die Unterstützung Deutschlands benötigt, um konsequent voranzukommen. R hat mit seinen nördlichen Besitztümern in den meisten Partien ohnehin ein wenig Probleme. Selbst wenn man Swe bekommt – StP ist durch Nwy permanent bedroht. Soll man nun eine Einheit nach StP ziehen oder gar einen Aufbau in StP vornehmen? In Wahrheit braucht man zwei Einheiten um zwei VZ zu decken und diese beiden kommunizieren nicht einmal, können sich also nicht einmal gegenseitig decken – von Clausewitz würde sich die Haare raufen bei derartigen strategischen Unzulänglichkeiten in der Positionierung.

    Ein Herausbouncen des Russen aus Swe stärkt dieses Ungleichgewicht dramatisch zugunsten Englands. In nahezu jeder Partie, in der R nicht nach Swe kommt, erhält man als D irgendwann folgende Anfrage des E – "E bekommt mit deutscher Unterstützung Swe und dafür geht umgekehrt Bel mit englischer Unterstützung an D". Ein "Danaer-Geschenk" oder besser gesagt ein "Kuhhandel" der allerübelsten Sorte. Mit Swe ist es für E zumeist ein Leichtes, in der Folge auch StP einzunehmen, von wo aus Skandinavien gegen Einfälle von Südosten leicht zu schützen ist. Und das nächste Expansionsgebiet des E, der mittlerweile vermutlich seine Werften auf Hochtouren arbeiten ließ, werden dann wohl die lukrativen Küstenprovinzen des Deutschen sein (Bel, Hol, Den, Kie). Meinen Sie, das wäre weit hergeholt – vergleichen Sie mit der Praxis. (Zum selben Schluß, mit etwas ausführlicheren Argumenten, kommt auch Andrew Goff in seinem Artikel Die Schweden Situation aus dem Fall Movement Issue 2000 des Diplomatic Pouch – bereits übersetzt von Timo Müller.)

    Was hat das nun mit dem Zug Kie-Hol zu tun? Wie ich bereits in meiner Einleitung erwähnt habe, gibt es im Diplomacy eine Verhandlungswährung – die "diplomatischen Zugeständnisse". Ich kann mir für Zugeständnisse bei geschicktem Verhandeln etwas kaufen. Je geschickter ich verhandle, umso mehr bekomme ich. Für mein Ablassen von der Möglichkeit, R aus Swe zu halten, bekomme ich im Allgemeinen zumindest Freundschaft, manchmal hingegen sogar konkretere Zugeständnisse wie weiter oben erwähnt.

    Mit der "gewonnen" Freiheit der Flotte, die sich nach Hol begeben kann, bekomme ich nun aber wieder etwas – nämlich Einfluß auf Bel (vor allem wenn ich dies in Kombination mit Mun-Ruh gezogen habe). Ich bin kein Anhänger des deutschen Dreier-Builds in 1901, aber wer nun Bel haben will, wird nun vor allem einmal mit mir sprechen müssen und mir wiederum irgendwelche Zugeständnisse dafür einräumen müssen. Der Kniff liegt aus meiner Sicht darin, seine Einflußmöglichkeiten jeweils gut zu verkaufen. Wer aber nie etwas anzubieten hat, wird schnell das Opfer eines feindlichen Deals werden.

    Zu den in Sebastians Artikel angegebenen mathematischen Ausführungen möchte ich mich eigentlich nur kurz äußern, denn ich denke, ich habe bereits erklärt, warum auch die bewußte "schlechtere" (falls sie das im Fall der Flotte Hol überhaupt ist) Aufstellung von Einheiten den diplomatischen Vereinbarungen unterliegt. Wenden Sie außerdem einmal die gleiche mathematische Theorie auf den unter Punkt 1 des Artikels besprochenen Zug Lon-Eng an, und Sie werden sehen, daß hier genau das gegenteilige Ergebnis herauskommt, also die Mathematik ein Argument zugunsten Lon-Eng wäre. Insofern ist diese Ausführung nicht schlüssig, denn entweder müssen diese mathematischen Prinzipien für alle Züge gelten oder gar nicht. (Spa sollten Sie als Franzose dieser Theorie entsprechend dann im Übrigen nie einnehmen. Ihre Armee würde drastisch an Einflußfeldern verlieren. Und wehe dem, der sich Por mit der Flotte aus Bre holt. ;-) )

    Zu dem Argument der dualen Einsetzbarkeit (Nth-Raum und Bot-Raum) der Flotte bei Aufstellung in Den ist zu sagen, daß gerade D keine Probleme mit der Verlagerung von Flotten hat. Fast alle Deutschland-Spieler bauen im Winter 1901 eine Flotte Kie, welche die Möglichkeit des Auslaufens sowohl nach Hel als auch nach Bal hat. Im Falle der Notwendigkeit sehe ich daher kaum ein Problem darin, eine Flotte in den Bal-Raum zu bekommen – und zwei dort operierende Flotten brauche ich ohnehin nicht.

    Den angesprochenem "Praxisbeweis" kann ich nicht nachvollziehen. Ich kenne wenige Partien, in denen D frühzeitig und nachhaltig von R überrollt wurde – und schon gar nicht als direkte Folge eines Zuges Kie-Hol. Dieser Beweis müßte mit fundierteren Partiebeispielen und Analysen nachgebracht werden. Allerdings kann ich einige Partien aufzählen, in denen E (manchmal auch in Bündnisgemeinschaft mit F) durch ein unsinniges deutsch/russisches Scharmützel rund um Swe sehr schnell übermäßig stark wurde.

    Auch hier mein Fazit also – ob Sie meine Ansicht zum Kräftegleichgewicht in Skandinavien teilen oder nicht – warum ein Zug Kie-Hol zum "inspirationslosen Fehler" gegenüber Kie-Den gestempelt werden soll, ist nicht einzusehen. Weder das eine noch das andere ist als gottgegeben anzusehen und die diplomatischen Rahmenfaktoren sollten entscheiden, wo die Wahrheit liegt.

     

    Variante 3: F Sev-Rum

    Bei diesem Zug neige ich am ehesten dazu, Sebastian in der Konsequenz Recht zu geben. Dennoch kann ich auch hier die Argumente, die zu dieser Ansicht führen, nicht unwidersprochen stehen lassen.

    Den Kinderreim kennt fast jeder. Im Frühjahr 1901 zieht man Sev-Bla, und im Falle des Bounces kann man im Herbst 1901 noch immer Sev-Rum ziehen und Sev für einen eventuell notwendigen Flottenaufbau freibekommen, falls T dann doch in Bla steht.

    Insofern ist die Argumentation korrekt, daß Sev-Rum im Frühjahr 1901 nicht unbedingt, bzw. nur in bestimmten Fällen, das Nonplusultra darstellt. Dies ist aber auch schon ziemlich das einzige, was ich an Aussage zu diesem Abschnitt teile.

    R hat weit mehr Optionen, als sich zwischen "mit T gegen Ö oder umgekehrt oder mit beiden" zu entscheiden. Eine sehr erfolgreiche Allianz für R ist z.B. auch jene mit I gegen beide anderen. Zweifellos ist in jeder Bündnisstruktur gegen T ein Zug Sev-Rum im Frühjahr 1901 nicht angebracht. Zu wichtig ist es, den Kampf um Bla aufrechtzuerhalten.

    Doch wohin damit in allen Varianten, in denen T und R auf einer Seite stehen, ob Eastern Triple oder Juggernaut. Wenn man seine Flotte nicht unbedingt auf der Krim einmotten will – obwohl ich unter diesen Voraussetzungen dann gerne Matrose auf diesem Schiff wäre – und auch davon ausgeht, daß T nicht, vergleichbar mit Obelix und dem Zaubertrank, in den "Kessel des unendlichen Vertrauens" gefallen ist, muß man davon ausgehen, daß zumindest frühzeitig weder eine Flotte in Bla akzeptiert noch eine Durchfahrtsmöglichkeit ins offene Mittelmeer eingeräumt wird.

    Irgendwo muß die verdammte Flotte aber hin. Und was liegt näher, als ein freies VZ damit zu besetzen. Das ist allemal besser, als sie in Sev stehen zu lassen, denn mit einer Flotte in Rum und einem freien Sev kann ich mich durch konditionierte Aufbauten wenigstens ein wenig gegen ein türkisches Eindringen in Bla wehren, indem ich eine zweite Flotte in Sev aufbaue.

    Das Argument, man verstelle sich gegen Ö die Angriffslinie, ist nicht schlüssig, denn im Falle eines Bündnisses mit T (Juggernaut) wird Ö im Handumdrehen von gemeinsam operierenden russisch-türkischen Truppen weggefegt. Und im Falle eines Eastern Triple wird Ö eine Armee in Rum wohl aufgrund des direkten Bedrohungspotentials nicht akzeptieren.

    Auch hier gilt aus meiner Sicht wieder das Prinzip der "diplomatischen Zugeständnisse" – Vorteile strategischer Natur, die ich durch eine freiwillige Einschränkung der taktischen Operationsmöglichkeiten erhalte. Von einem Gau zu sprechen, ist daher heillos übertrieben. Die diplomatischen Rahmenbedingungen machen es aus.

    Der Juggernaut ist wohl unzweifelhaft die beste russische Bündniskonstellation und für das ganze Brett gefährlich. Wer aber niemals Sev-Rum im Frühjahr 1901 in Erwägung zieht, wird selbst mit dem freundlichst gesonnenen Türken niemals einen Juggernaut zustande bekommen (denn der beruht darauf, daß T seine Flotte Ank sofort via Con ins Mittelmeer schleust). Und ein verspätetes Herausbringen der Flotte wird T nicht akzeptieren, da ihn das wertvolle Zeit in seinen Angriffsbestrebungen gegen Gre und später I kostet. (Interessierten empfehle ich dazu Stephen Agars Artikel Driving a Juggernaut.)

    Schwerstes Bauchweh bekomme ich bei der Aussage, selbst in Allianzen mit dem Sultan im Frühjahr 1901 zu bouncen und im Herbst eine Armee nach Rum zu bringen. Und was bitte macht die Flotte in Sev dann?

    Wieder bouncen aus Misstrauen – dann wird das mit der Allianz mit OSM wohl nie etwas werden.

    Oder stehen bleiben bzw. den Armee-Einzug nach Rum unterstützen – dann ist man abermals dem Risiko ausgesetzt, plötzlich mit einer türkischen Flotte in Bla konfrontiert zu sein, nur kann man nun nicht einmal eine Aufbaukonditionierung für eine zweite Flotte angeben, mit der man dann Druck gegen Bla erzeugen könnte, da Sev durch die erste Flotte blockiert ist. Dann wird das Spiel für T erst wirklich leicht.

    Wenn man mit R ein Bündnis mit T eingehen will, wird man irgendwann über seinen Schatten springen müssen – dann könnte man das also auch im ersten Zug tun. Vermutlich gibt es aber – zum Glück für die anderen Nationen – vor allem deshalb so wenige erfolgreich etablierte R/T-Allianzen.

    Zugegeben, das Risiko ist hoch, und wie bereits am Beginn dieses Abschnittes erwähnt sehe ich im Ergebnis durchaus eine Berechtigung der Aussage Sebastians – aber letztlich muß auch hier die Diplomatie der letzte Entscheidungsträger bleiben.

     

    Soviel zu meiner Meinung zu Sebastian Beers Artikel über "Schlechte Eröffnungen" – er möge mir verzeihen, wenn ich hier einige seiner Argumente deutlich in Frage gestellt habe und damit auch den Kernaussagen seines Artikels grundsätzlich widerspreche. Trotzdem finde ich es, wie bereits eingangs erwähnt, extrem positiv, wenn sich ein deutschsprachiges Forum für solche strategischen Diskussionen etabliert. Und auf dem Weg dorthin ist jeder Artikel ein wichtiger Beitrag – weshalb ich letztlich natürlich auch Sebastian Beer für die Eröffnung dieser Diskussion dankbar bin.

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