Wenn der Eiserne Vorhang fällt

Wie man ein großes Bündnis aufrechterhält

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von John Pearson (jmpear0@service1.uky.edu)

ÜBERSETZT VON TIMO MÜLLER
 

Mag sein, daß es keine noch nie dagewesene Neuigkeit ist, aber es ist auf jeden Fall ein Tabu: der Zusammenschluß von Diplomacyspielern für eine gemeinsame Sache und der Schwur, eine andere Macht von Beginn an erbarmungslos auslöschen zu wollen! Die Idee eines felsenfesten Bündnisses, das über alles Flehen, Drohen und Verhandeln erhaben ist, scheint dem Ethos von Diplomacy grundlegend zuwiderzulaufen, denn es gilt immer noch die Regel, daß man seine verbündeten, wenn nicht schlagen, doch zumindest hintergehen kann. Doch obwohl es in diesem Spiel der fiesen Tricks ein besonders fieser Trick war, wurde ein solches Bündnis ins Leben gerufen. Eine solche Situation, in der wahrscheinlich wenige Spieler über Diplomacy-Erfahrung verfügen, könnte durch einige sorgfältige Überlegungen erhellt werden.

Die Partie, auf die ich mich beziehe, war eine E-Mail-Partie ohne Judge mit einigen Freunden, denen ich Diplomacy beigebracht hatte. Drei oder vier Monate nach unserem ersten Spiel hatten wir beschlossen, es noch einmal zu wagen, nachdem das erste wegen mangelndem Interesse eingeschlafen war. Diese Tatsache sollte eine entscheidende Rolle bei den Bündnisverhandlungen spielen und mich außerdem zwei Grundregeln für Partien mit dieser Gruppe lehren: sei nie derjenige, der "Ahnung von dem Spiel hat", und vergiß das letzte Spiel. Anscheinend hatte nicht jeder diese Lehren gezogen, und das führte zu einer haarigen Situation.

Nach zweitägigen Anfangsverhandlungen erfuhr ich aus zwei unabhängigen Quellen, daß der Russe, ohne mit mir kommuniziert zu haben, mich (England) zu seinem Todfeind erklärt hatte. Als Anfänger wußten meine Freunde und ich nicht immer so genau, wann wir am besten zuschlagen sollten, aber daß ein anderer Spieler ohne Verhandlungen den Krieg erklärt hatte, war eine zu gute Gelegenheit, um sie nicht zu nutzen. Wenn der Russe etwas gegen England hat, führt das nicht zwangsläufig zum frühen Tod des Briten, aber die Eroberung Skandinaviens war ein entscheidender Teil meiner Strategie, und wenn ich auch keine große Angst hatte, den Zar in London stehen zu haben, so würde er doch ein großes Hindernis sein.

Nach zwei weiteren Tagen hatte ich es geschafft, die Türkei, meinen Verbündeten Frankreich, Italien (das sich so vor einem frühen Ausscheiden fürchtete, daß es in den ersten Zügen sehr dienstfertig war, um auch ein paar Krümel von unseren Eroberungen zu bekommen) und Österreich von einem Bündnis gegen Rußland und Deutschland, einen Neuling in unserer Gruppe, zu überzeugen. Das war aber nicht so schwierig, wie man erwarten könnte. Dabei spielten nämlich frühere Ereignisse eine gewichtige Rolle: im ersten Spiel hatte sich der Russe, damals als Österreicher, sehr unbeliebt gemacht, weil er unsere Unerfahrenheit gnadenlos ausgenutzt hatte, so daß sich jetzt ein Rachefeldzug anbot. Die Strategie war einfach: Frankreich und ich würden eine Frontlinie über Nrg, Nwy, Nth, Bel und Bur errichten, Italien würde nach Tyr ziehen und Süddeutschland bedrohen, während Österreich in die entmilitarisierte Zone zwischen Deutschland und Rußland eindringen würde. Die Türkei würde mit Ank-Bla, Con-Bul und Smy-Arm eröffnen.

Inzwischen werden die erfahrenen Spieler unter euch schon die Schwächen unseres Masterplans erkennen. Schließlich kann kein Bündnis dieser Größe lange genug bestehen, um zwei Mächte komplett auszulöschen, ohne selbst einige schwere Mängel zu entwickeln. Aber ich hatte Grund zu er Annahme, daß es trotzdem funktionieren würde. Wie ich schon erwähnt habe, war wenig Propaganda nötig, um den Russen als blutrünstigen Barbaren zu dämonisieren, und den unbekannten Deutschen als taktisches Genie hinzustellen, war noch einfacher. Außerdem konnte sich jeder Gewinne versprechen, so daß zumindest für einige Zeit alle zufrieden sein würden. Wenn die Gebiete im Süden knapp würden, würde ich hoffentlich schon Swe, Den und StP haben.

Das letzte Glied der Kette waren die Absprachen: der Balkan durfte kein politischer Krisenherd werden, wenn wir im Süden etwas erreichen wollten. Indem ich meine Rolle des "besorgten Verbündeten" weit ausreizte, hoffte ich eine Verteilung zu erreichen, die den schwankenden Österreicher davon abhalten würde, die Türkei anzufallen (mein Lieblingsland, also war ich besonders besorgt um sie). Ich riet dem Sultan, Bul und Gre anzustreben, aber sich auch mit Bul und Rum zufriedenzugeben, falls er auf Widerstand stieße. Doch der Österreicher, dessen Computer nicht so ganz mitspielte, war so lange nicht erreichbar, daß Zugänderungen in letzter Sekunde nötig waren.

Der Frühjahrszug 1901 war nur teilweise erfolgreich. Frankreich zog wie geplant Bre-Pic, Par-Bur und Mar-Spa, während ich mit der Churchill-Eröffnung begann (Liv-Edi, Edi-Nrg, Lon-Nth). Deutschland zog nicht überraschend Mun-Ruh und Ber-Kie, aber zwang mich mit Kie-Hel zu Ratespielen. Rußland zog vorhersehbar (Mos-StP, StP-Bot, Sev-Bla, War-Gal). Der letztgenannte Zug wurde wie abgesprochen geblockt, aber der Türke brachte einiges durcheinander und befahl Con H, Smy-Arm. Österreich nahm Serbien und segelte nach Albanien und untermauerte so eine Ansprüche. Im Herbst bekam Frankreich Bel, Deutschland Hol und Den, die Türkei Con (steht so im Original, aber gemeint ist wohl Bul, A.d.Ü.), Italien Tun, doch der Österreicher entschied sich für Rum und Gre. Ich gewann Nwy, aber das hätte ich sowieso bekommen. Mein Hauptinteresse galt aber Rußland. Der Zar nahm Swe, aber unterließ StP-Fin, das ihm einen Aufbau und drei Einheiten gegen mich im Frühjahr 1902 ermöglicht hätte. Der Türke bereitete den Angriff auf Sev vor, und das Bündnis hielt, obwohl es nicht mehr ganz im Plan lag.

Im Winter zeichneten sich die ersten Schwierigkeiten ab. Nachdem ich den Italiener dafür getadelt hatte, daß er von Tyr aus nicht Mun angreifen wollte, schwor er unserer gemeinsamen Sache wieder Treue, aber sowohl er als auch der Sultan bekamen kurz darauf Post aus Österreich mit der Aufforderung, sich sofort aus dessen Gebiet zurückzuziehen. Ein italienischer Rückzug würde völlig kontraproduktiv sein, aber anscheinend war der Österreicher zu der Überzeugung gelangt, daß die Balkanstaaten ihm alleine gehören sollten! Unser Bündnis hatte sich innerhalb eines Tages von marschierenden Horden eines festen Bündnisses in eine Ansammlung nervöser Monarchen verwandelt, die selbst auf der Schwelle eines Kriegs standen. Das letzte, was ich brauchen konnte, war ein Krieg im Süden, und alle, die ich dafür rekrutieren konnte, versuchten, den machthungrigen Österreicher davon zu überzeugen, daß fünf Zentren noch kein Imperium sind. Es wurde offensichtlich, daß der Österreicher nicht nur an einem absurden Sendungsbewußtsein litt, sondern auch an Paranoia (weit über das Diplomacy-Normalmaß hinaus), die ihn davon überzeugt hatte, daß ein italienisch-türkischer Angriff bevorstand und daß er in diesem Krieg eine höchst riskante Position haben würde.

In Wahrheit ist ein festes Bündnis in Diplomacy nicht sehr aufregend, sondern eher im ständigen Fluß begriffen. Große Bündnisse können nur solange bestehen, wie jeder glücklich bleibt, und das ist nie sehr lange der Fall. Ich war gerade dabei, einen Vierbund gegen Rußland und Deutschland vorzubereiten, während die Türkei und Italien den ausgerasteten Österreicher abzuwehren versuchten, als mein "Freund" hinter dem eisernen Vorhang mir eine E-Mail weiterleitete, die er aus Österreich erhalten hatte:

"Hey, Ich weiß, daß wir bisher keine Verbündeten waren, oder zumindest keine guten, aber ich wäre sehr dankbar für Hilfe."

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