Stabile Zweier-Draws im Standard-Diplomacy
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von Helmuth Karl Bernhard von Moltke (Glenn Ledder) und Otto von Bismarck (Karlis Povisils) (gledder@math.unl.edu)

ÜBERSETZT VON TIMO MÜLLER
 

Viele Diplomacypartien enden in einem Dreier-Draw. Oft enden diese Spieler so, weil die übriggebliebenen Spieler sich nicht stark genug fühlen, um auf einen Einzelsieg zu spielen. Ein Dreier-Draw ist aber für den ehrgeizigen Diplomaten selten zufriedenstellend, weil an ihm 42 Prozent der Spieler, die auch am Anfang der Partie dabei waren, beteiligt sind! Zwischen einem Solo, das womöglich außer Reichweite ist, und einem Dreier-Draw, der nicht allzu verlockend ist, gibt es eine andere Möglichkeit: einen Zweier-Draw. Der Zweier-Draw kann im Diplomacy ein edles Ergebnis sein, da verlangt wird, daß ein Draw alle übriggebliebenen Spieler einschließt. Die Notwendigkeit, Europa zu gleichen Teilen unter den Siegern aufzuteilen läßt keinen Raum für Zweideutigkeiten, vor allem wenn man die Tendenz unter verlierenden Spielern berücksichtigt, lieber den Einzelsieg aufzugeben als das Ausscheiden zu riskieren. Bei einem Zweier-Draw ist der persönliche Geschmack egal! Die Konsequenz aus diesen Schwierigkeiten ist, daß ein er schwieriger zu bewerkstelligen sein kann als ein Einzelsieg, und das gibt dem Spieler, der an ihm beteiligt ist, genug Befriedigung, um zu verschmerzen, daß er den Sieg teilen muß. In einem Folgeartikel werden wir die diplomatischen Aspekte des Zweier-Draws diskutieren. In diesem Artikel konzentrieren wir uns auf die strategischen Aspekte von Zweier-Draws.

STABILE ZWEIER-DRAW-POSITIONEN

Gehen wir davon aus, daß alle Spieler in einer Diplomacypartie spielen, um für ihr Land das bestmögliche Ergebnis herauszuholen. Es ist wichtig zu sagen, daß wir Carebear-Bündnisse nicht berücksichtigen, sondern nur Bündnisse zwischen zwei ambitionierten Spielern, die gewinnen wollen. Wie erreicht man einen Zweier-Draw zwischen zwei Spielern, die einen Sieg anstreben würden, wenn sie könnten, und die ihrem Verbündeten nicht zutrauen, zu einer nicht durchsetzbaren Vereinbarung zu stehen? Die Antwort gründet auf dem Konzept der stabilen Zweier-Draw-Position. Damit meinen wir eine Position, in der jeder Spieler die Kontrolle über eine nicht überschreitbare Linie hat, die 17 Zentren abteilt. Sobald ein Spieler einmal seine Seite einer stabilen Zweier-Draw-Position hat, kann er sicher sein, im Endergebnis der Partie aufzutauchen. Er kann die Position für den Draw halten, oder er kann versuchen, ein weiteres Zentrum für den Einzelsieg zu holen.

Wir haben herausgefunden, daß es nur fünf stabile Zweier-Draw-Positionen gibt, dazu ein paar kleinere Variationen. Um diese Positionen einprägsamer zu machen, haben wir ihnen entsprechende Namen gegeben, die auf der geographischen Lage der Linien oder auf historischen Tatsachen basieren. Wenn wir mit den Linien beginnen, die von Norden nach Süden verlaufen, und gegen den Uhrzeigersinn weitergehen, bekommen wir die folgenden Linien:

1. Die JUGGERNAUT-Linie, die eine Nordmacht (D,R) und eine Südmacht (Ö,I,T) trennt, benannt nach dem berühmten russisch-türkischen Bündnis.

2. Die SARAGOSSA-Linie, die eine Nordmacht (E,D) und eine Südmacht (I,T) trennt, benannt nach dem Vertrag von 1529, der über zwei Jahrhunderte die Verteilung der Kolonien zwischen Portgual und Spanien regelte.

3. Die VERSAILLES-Linie, die eine Westmacht (E,F,G) und eine Ostmacht (Ö,I,R,T) trennt, benannt nach dem Vertrag, der den Ersten Weltkrieg beendete und Deutschland die Provinzen Preußen und Schlesien absprach.

4. Die BERLINER MAUER, die eine Westmacht (E,F) und eine Ostmacht (Ö,R,T) trennt, benannt nach der Teilung von Ost- und Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg.

5. Die STOCKHOLM-Linie, die Frankreich und Rußland trennt, benannt nach dem Massaker von 1520, nach dem die Schweden rebellierten und die Unabhängigkeit von Dänemark erreichten.

Die ersten vier Linien entstehen aus einer natürlichen Aufteilung der Zentren. Bei allen kontrolliert die Süd- bzw. Ostmacht Österreich, Italien, die Türkei und den Balkan, zusammen mit vier anderen Zentren, die in der Tabelle festgehalten sind:

Zentren Juggernaut-Linie Saragossa-Linie Versailles-Linie Berliner Mauer
Portugal Südmacht      
Marseille und Spanien Südmacht Südmacht    
Tunis Südmacht Südmacht Ostmacht  
Sewastopol   Südmacht Ostmacht Ostmacht
Moskau und Warschau     Ostmacht Ostmacht
Berlin       Ostmacht

Die Stockholm-Linie enthält, im Vergleich mit der Berliner Mauer, Schweden, St. Petersburg und München für die Ostmacht, im Austausch für Italien. Die Saragossa-Linie funktioniert auch, wenn Portugal gegen Marseille getauscht wird, aber die oben angegebene Version scheint einfacher erreichbar. Nun geben wir die genauen Positionen der Einheiten an, zusammen mit einer kleinen Diskussion. Nur die unbedingt nötigen Einheiten an den Frontlinien werden angegeben, zusammen mit der benötigten Anzahl an unterstützenden Einheiten im Hinterland. Die Art der Einheit ist nur festgehalten, wenn es Mißverständnisse geben könnte. Außerdem ist eine Liste der maximal möglichen entmilitarisierten Zonen (EMZ) angegeben. Die Idee hier ist, daß beide Spieler sich einverstanden erklären, die EMZ zu achten, aber trotzdem deren Verletzung durch den Verbündeten einkalkulieren. Die EMZ tragen zur Sicherheit der Position bei. Jeder Spieler muß imstande sein, die Stalemate Line abzusichern, sobald sie erstmals vom Gegner verletzt wird, muß aber ansonsten nicht unbedingt alle angegebenen Positionen besetzt halten.

Die Juggernaut-Linie
Südmacht (14 Einheiten): Arm, Bla, Rum (1), Bud, Vie, Tyr (1), Mar (1), Spa, Por, Wes, F Tun
Nordmacht (14 Einheiten): Sev (1), Ukr, Gal (1), Boh (1), Mun, Bur, Par, Bre, Eng, Iri, NAt
EMZ: MAt, Gas, NAf

Diese Linie funktioniert am besten bei R/T und D/I, kann aber auch bei Ö/R und I/R benutzt werden. Wenn die letzten eroberten Zentren im Westen liegen, muß die Südmacht aufpassen, daß sie Spanien erobert und gut absichert, bevor die Nordmacht Portugal erreicht.

Die Saragossa-Linie
Südmacht (14 Einheiten): Sev (1), Rum (1), Bud, Vie, Tyr (1), Mar (1), Spa (1), Wes, NAf
Nordmacht (13 Einheiten): Mos (1), War (1), Sil (1), Mun (1), Bur, Par, Bre, MAt, F Por
EMZ: Ukr, Gal, Boh, Gas

Diese Linie ist ideal für E/I und funktioniert auch bei D/I und D/T gut. Sie ist leicht erreichbar, vor allem, wenn die letzten freien Zentren im Osten liegen. Die EMZ in Ukr, Gal und Boh lassen beiden Seiten gute Chancen, sich die letzten Zentren zu sichern.

Die Versailles-Linie
Ostmacht (16 Einheiten): Mos (1), War (1), Gal, Boh (1), Tyr (1), Ven (1), F Rom, Tyn (1), Tun (1)
Westmacht (15 Einheiten): StP, Bot, Bal (1), Ber (1), Mun (2), Mar (1), Spa (1), MAt (1)
EMZ: Lvn, Pru, Sil, Pie, Tus, GoL, Wes, NAf

Falls die Ostmacht keine Flotten im Norden hat, braucht die Westmacht das Baltische Meer nicht zu besetzen und kommt mit nur 13 Einheiten aus. Die Anzahl der Einheiten kann auch reduziert werden, indem man die Anzahl der EMZ reduziert. Zum Beispiel braucht die Ostmacht weniger Flotten, falls die Toskana von einer Ostarmee besetzt wird.

Die Versailles-Linie ist die mit Abstand wichtigste Zweier-Draw-Linie, da sie für elf der möglichen 21 Zweier-Bündnisse funktioniert. Sie ist ideal für Ö/E, Ö/F, Ö/D, E/T, D/I und D/T, kann aber auch bei E/I, E/R, F/I, F/T und D/R funktionieren. Die hohe Zahl von EMZ macht die Versailles-Linie zur stabilsten aller Zweier-Draw-Positionen. Die Westmacht muß vor allem auf StP und Mun aufpassen, während die Ostmacht Mos, War und Tun im Blick behalten muß. Rußland könnte sich mit der Besetzung von Tunis schwertun, da dazu Flotten in Rom, Tyn, Nap und Ion notwendig sind. Frankreich könnte Schwierigkeiten mit der Besetzung von St. Petersburg haben, Italien mit Moskau.

Die Berliner Mauer
Ostmacht (15 Einheiten): Mos, Lvn (1), Pru, Ber, Sil, Boh, Tyr, Ven (2), Rom, Nap, Ion (1)
Westmacht (15 Einheiten): StP (1), Bot, Bal (1), Kie, Mun (2), Mar, Spa, Wes (1), Tun (1)
EMZ: Pie, Tus, GoL, Tyn

Diese Linie eignet sich vor allem für E/R, obwohl sie auch für Ö/F oder F/R benutzt werden kann. Falls die Ostmacht keine Flotten im Norden hat, braucht die Westmacht weniger Einheiten. In der oben dargestellten Version unterstützt die Einheit in Spanien Marseille; sie könnte aber auch WestMed unterstützen, so daß Marseille eine weitere unterstützende Einheit brauchen würde, WestMed aber keine.

Die Berliner Mauer bietet viele Möglichkeiten zum Betrug, wobei der Vorteil für gewöhnlich bei der Ostmacht liegt. Die Westmacht muß aufpassen, Tunis, St. Petersburg und München einzunehmen, während sich die Ostmacht nur um Berlin Sorgen machen muß.

Die Stockholm-Linie
Ostmacht (17 Einheiten): StP (1), Fin, Swe (1), Bal (1), Ber, Mun (1), Tyr, A Tri, Adr, F Alb, Gre, Aeg, Eas
Westmacht (17 Einheiten): Nrg, Nwy (1), Ska, Den (1), Kie (1), Ruh, Bur, A Pie, Ven (1), A Rom, Nap, Tyn, Tun
EMZ: Bar, Ion, Apu

Diese Position ist sehr schwierig, höchstens für F/R erreichbar, und das vielleicht nur theoretisch. Wir wären sehr dankbar für Informationen, ob diese Position wirklich einmal erreicht worden ist. Rußland braucht drei Flotten im Norden und vier im Süden. Selbst dann ist die russische Position nicht wirklich eine Stalemate Line. Die Adria ist nicht ausreichend geschützt, falls die Einheit in Venedig eine Flotte ist. (Wir gehen davon aus, daß die Einheit in Triest eine Armee ist, da sie zur Unterstützung von Tirol benötigt wird.) Es ist aber sehr unwahrscheinlich, daß die Westmacht eine Flotte durch eine EMZ nach Venedig bringen kann, da sie alle 17 Einheiten zur Sicherung ihrer Position benötigt.

WAHRSCHEINLICH STABILE POSITIONEN

Die fünf stabilen Zweier-Draw-Positionen, die oben aufgelistet sind, scheinen die Möglichkeiten auszuschöpfen, abgesehen von einigen kleineren Varianten, z.B. den Tausch von Portugal und Marseille bei der Saragossa-Linie. Es gibt eine auffällige Lücke in der Liste, die überraschend ist für alle, die die Stalemate Lines nicht genau studiert haben: es gibt keine stabile Zweier-Draw-Position für ein E/F- oder F/D-Bündnis. Prinzipiell könnten wir mit der Juggernaut-Linie beginnen und versuchen, Brest und Paris gegen zwei Zentren im Süden zu tauschen. Keine solche Linie ist möglich. Keine Kombination aus Wien, Budapest und Rumänien kann aus dem Norden gegen einen gut geplanten Angriff aus dem Süden verteidigt werden. Die Auswirkungen dieser Beobachtung werden wir später diskutieren, wenn wir einzelne Bündnisse betrachten.

EINEN ZWEIER-DRAW ERREICHEN

Die stabile Zweier-Draw-Position ist die theoretische Basis für einen Zweier-Draw. In der Praxis ist es im Allgemeinen weder notwendig noch wünschenswert, allzu viel von dieser Position auch wirklich besetzt zu halten. Man muß nur vorbereitet sein, falls man betrogen wird. Der Spieler, der auf einen Zweier-Draw aus ist, muß imstande sein, das Risiko abzuwägen, während sich die Position herausbildet. Es ist nötig, auf vernünftige Einschränkungen in den Bewegungen des Gegners zu bestehen und selbst vernünftigen Einschränkungen zuzustimmen. Dieses Thema paßt aber besser in unseren zweiten Artikel über die diplomatischen Aspekte von Zweier-Draws. Ein strategischer Punkt muß hier erwähnt werden. Die Stabilität einer Position kann erhöht werden, indem manche Provinzen von Einheiten besetzt werden, die nur zur Verteidigung da sind. In der Versailles-Linie beispielsweise füllen Armeen in Spanien und Tunis die Stalemate-Positionen, sind aber im Gegensatz zu Flotten keine offensiven Bedrohungen.

EINEN ZWEIER-DRAW-VERSUCH IN EINEN SIEG UMWANDELN

Natürlich sieht der ehrgeizige Diplomat einen Zweier-Draw als ein Ergebnis, das nur halb so gut ist wie ein Einzelsieg. Es ist vernünftig, ein Zweier-Draw-Bündnis als Zwischenstation zum Einzelsieg zu betrachten, mit dem Draw als Rückversicherung. Zwei Situationen ermöglichen es, einen Zweier-Draw in einen Sieg zu verwandeln. Entweder wenn der Verbündete es versäumt, die notwendigen Begrenzungen bei den Zügen durchzusetzen; oder wenn man das Glück hat, Hilfe von einer kleineren Macht zu erhalten. Falls keine dieser beiden Bedingungen gegeben ist, riskiert ein Spieler, der auf Einzelsieg spielt, eher einen Draw mit mehreren Mächten. Zusammenfassend gehen wir also davon aus, daß aus einem Zweier-Draw kein Einzelsieg gemacht werden kann, wenn der Verbündete die richtige Strategie und Diplomatie verfolgt, sofern keine Hilfe von dritter Seite geleistet wird.

AUSWIRKUNGEN AUF DIE VERSCHIEDENEN BÜNDNISSE

Es gibt sieben Länder, von denen jedes sechs Bündnispartner haben kann. Die 42 möglichen Kombinationen dieser Länder enthalten 21 doppelt auftretende Paare; also gibt es 21 mögliche Zweier-Bündnisse. Wir betrachten diese in Gruppen. In unserer Sicht gibt es neun Bündnispaare, für die ein stabiler Zweier-Draw nicht schwierig zu erreichen ist, drei Paare, bei denen leicht einer der beiden einen Einzelsieg herausholen kann, drei Paare, die für einen stabilen Zweier-Draw viele Zentren tauschen müssen, und sechs Paare, für die ein stabiler Zweier-Draw eindeutig unmöglich ist.

Einfache Sache: R/T, D/I, E/I, Ö/E, Ö/D, E/T, D/T, Ö/F, D/R
Diese neun Bündnispaare haben stabile Zweier-Draw-Positionen, die keine Seite begünstigen und bei denen nicht viele Zentren getauscht werden müssen. Für das R/T-Bündnis ist die Juggernaut-Linie ideal. Für D/I und E/I funktionieren sowohl die Juggernaut- als auch die Saragossa-Linie gut, wobei die Juggernaut wohl die bessere Wahl für D/I ist und die Saragossa für E/I. Die übrigen Paare dieser Gruppe sind gut für die Versailles-Linie geeignet, wobei für Ö/F auch die Berliner Mauer möglich ist. Natürlich kann das D/R-Bündnis die Berliner Mauer nur erreichen, falls Rußland dem Deutschen erlaubt, St. Petersburg einzunehmen. Diese Bündnispaare können sogar im No-Press-Diplomacy Zweier-Draws zustande bringen. Beim Vermont Group No-Press-Turnier 2000 gab es vier Zweier-Draws in knapp über 80 Partien. Diese wurden erreicht von Ö/E, Ö/D, D/T und Ö/F-Paaren.

Unausgeglichene Möglichkeiten: E/R, F/I, F/T
Das E/R-Bündnis ist eine besonders interessante Fallstudie. Von den vier stabilen Zweier-Draw-Positionen kommen für E/R nur die Berliner Mauer und die Versailles-Linie in Frage. Die Berliner Mauer ist für England schwierig zu erreichen. Das Problem ist, daß Rußland oft München erreicht, bevor England soweit ist. Dadurch hat der Russe einen großen Vorteil, falls er sich entscheiden sollte, diesen zu nutzen. Er kann so tun, als würde er auf einen Zweier-Draw mit England spielen (sofern England nicht die Notwendigkeit erkennt, München zu kontrollieren), während er in Wirklichkeit versucht, das Rennen nach Italien um den Einzelsieg zu gewinnen. (Von Moltkes Ghostwriter, Mr. Ledder, verdankt seinen Platz unter den Top 10 der JDPR-Rangliste hauptsächlich zwei Einzelsiegen, die er auf genau diese Weise erreicht hat. Nun, da diese Information öffentlich gemacht wird, wird er wahrscheinlich aufhören müssen, Rußland zu spielen!) Die Versailles-Linie ist ebenfalls schwierig, aber für den Russen, weil er das Mittelmeer so stark unter Kontrolle haben muß, daß er Tunis besetzen kann.

Die F/I- und F/T-Bündnisse sind nicht so unausgeglichen. Beide können leicht die Versailles-Linie erreichen. Es könnte aber in beiden Fällen für Frankreich schwierig sein, St. Petersburg zu sichern, und für die Türkei ist die Besetzung von Tunis wohl schwierig, genauso wie für Italien die Besetzung von Moskau und Warschau. Die Schau-Partie OVER1201 bietet ein gutes Beispiel für diese Schwierigkeiten. Das Spiel endete mit einem F/I-Draw, aber in der Endphase gab es zwei italienische Stabs und eine Position, in der Frankreich die Möglichkeit eines Stabs ungenutzt ließ.

Vorsichtige Verhandlungen nötig: Ö/R, I/R, F/R
Das Ö/R-Bündnis kann die Juggernaut-Position erreichen, aber nur mit vorsichtigen Verhandlungen. Normalerweise wird Österreich bei diesem Bündnis München kontrollieren, Rußland dagegen Rumänien und Ankara, und vielleicht auch noch Bulgarien und Konstantinopel. Um einen stabilen Zweier-Draw zu erreichen, müssen sie eine Vereinbarung ausarbeiten, die Österreich die gesamte Türkei und den Balkan überläßt, während Rußland ganz Deutschland erhält. Höchstwahrscheinlich wird Rußland aber zuerst einige der Zentren im Süden einnehmen müssen, die dann von Österreich übernommen werden, sobald Rußland beginnt, durch Deutschland und Skandinavien zu marschieren. Wenn man die nötige Aufteilung der Zentren in Betracht zieht, wird Rußland bessere Möglichkeiten für einen Einzelsieg haben als Österreich. Eine russische Strategie, um auf Sieg zu spielen, wäre, Rumänien oder Ankara lange genug zu halten, um alle Zentren im Norden erobern zu können.

Auch das I/R-Bündnis kann durch ausgedehnten Tausch von Zentren auf eine Juggernaut-Linie hingesteuert werden. Rußland hat gute Siegchancen, falls es Italien von einer Aufteilung überzeugen kann, bei der es Rumänien behält, denn dann erhält es zusammen mit den Zentren im Norden 18 VZ.

Für das F/R-Bündnis ist es sogar noch schwieriger, einen Zweier-Draw zu erreichen. Die Berliner Mauer ist eine Möglichkeit, doch die Position scheint Frankreich zu favorisieren, weil Rußland Schwierigkeiten bei der Besetzung Italiens haben wird. Die Stockholm-Linie ist eine natürlichere Aufteilung für das F/R-Bündnis, ist aber extrem schwierig zu erreichen, da es nur wenige EMZ gibt und 17 Einheiten zur Absicherung der Stalemate-Positionen benötigt werden.

Keine vernünftigen Zweier-Draw-Positionen: Ö/I, Ö/T, I/T, E/D, E/F, F/D
Es gibt nicht einmal einen auch nur annähernd stabilen Weg für diese sechs Bündnisse, um die Welt unter sich aufzuteilen. Zweier-Draws können von diesen Paaren nur erreicht werden, wenn beide Spieler sich absolut überzeugt dafür einsetzen. Diese Zweier-Draws sind nur etwas für Carebear-Spieler. Das Interessante an dieser Liste ist, daß es ziemlich offensichtlich ist, daß Ö/T- und I/T-Bündnisse nicht zu einem stabilen Zweier-Draw führen können. Bei den anderen vier Paaren ist das nicht so klar ersichtlich. Wir haben mehrere Stunden lang versucht, eine Position für einen Ö/I-Draw zu finden, bevor wir widerstrebend den Schluß ziehen mußten, daß es eine solche Position nicht gibt. Für E/D, E/F und F/D haben wir es mehrere Tage lang versucht. Alle diese vier Bündnispaare sind in der ersten Phase des Spiels üblich und können bis ins Mittelspiel fortbestehen, teilweise deshalb, weil beide Partner unendlich wachsen können, ohne dem anderen in die Quere zu kommen. Sie können aber nicht zu einem Zweier-Draw zwischen Spielern, die gewinnen wollen, führen. Diese Bündnisse enden unvermeidlich mit einem Stab, einem Einzelsieg oder einem Carebear-Draw.

ALLGEMEINE DISKUSSION VON BÜNDNISSEN

Wenn wir die Liste der sechs instabilen Bündnispaare mit der Liste der neun besonders stabilen Paare vergleichen, erhalten wir ein sehr deutliches Muster. Stabilität ist im Allgemeinen nur für solche Paare möglich, deren Heimatzentren nicht allzu nahe beieinander liegen. Die sechs instabilen Paare setzen sich zusammen aus drei Paaren aus Westmächten und drei Paaren aus Ostmächten. Die einzigen stabilen Zweier-Draw-Paare, die aus Mächten aus derselben Hälfte des Spielbretts zusammengesetzt sind, sind R/T-, Ö/R- und I/R-Bündnisse. Von diesen kann nur R/T ohne großen VZ-Tausch realisiert werden.

Offensichtlich sind die Kriterien für ein gutes Endgame-Bündnis komplett anders als die für ein gutes Eröffnungsbündnis. Bei der Eröffnung braucht man einen Verbündeten, mit dem man schnell gegen einen gemeinsamen Gegner zusammenarbeiten kann. Am Ende braucht man einen Verbündeten, dessen Machtzentrum auf der anderen Seite des Spielbretts liegt. Es sollte nun ziemlich deutlich sein, warum das R/T-Juggernaut-Bündnis seinen Ruf als gefürchtetstes Bündnis überhaupt verdient hat. Es ist das einzige der 21 Bündnisse, das ideal für die Eröffnung ist und das ganze Spiel über ideal bleibt. Wir persönlich halten das Ö/R- und das I/R-Bündnis für genauso gut oder besser als das R/T-Bündnis. Beide haben klare Anfangsziele, brauchen aber nicht von Anfang an absolutes Vertrauen wie das R/T. Beide haben eine stabile Zweier-Draw-Option, die mit vorsichtigen Verhandlungen erreicht werden kann. Es ist interessant, daß nur wenige Spieler die Stärke dieser beiden Bündnisse erkennen, obwohl das Ö/R-Bündnis in einem exzellenten Artikel von Marc St. Rose und Marcel van Vliet, The Russian/Austrian Alliance, gefördert wird.

Alle anderen Bündnisse, die in der Eröffnungsphase als gut angesehen werden, leiden unter dem Problem, daß sie für einen Zweier-Draw-Versuch nicht geeignet sind. Einige der anderen Bündnisse, die sich gut für das Endgame eignen, verdienen genauere Betrachtung. Das D/I-Bündnis kann beispielsweise sehr effektiv sein. Falls Frankreich und England sich nicht verstehen, gibt die daraus entstehende Auseinandersetzung Deutschland und Italien Möglichkeiten zur Zusammenarbeit in Frankreich und Österreich. Auch das Ö/D-Bündnis bietet die Möglichkeit für frühe Zusammenarbeit gegen Rußland, sofern Deutschland nicht früh unter Druck aus dem Westen gerät. Eine andere starke Möglichkeit ist das D/R-Bündnis. Es wird allgemein als nicht durchführbar beurteilt. Es ist aber für Deutschland und Rußland möglich, in Skandiavien und Österreich von Anfang an zusammenzuarbeiten. Wenn Deutschland die Gewinne im Norden erhält und Rußland die im Süden, kann ein Zweier-Draw, der auf der Versailles-Linie basiert, erreicht werden.

Der Diplomacy-Experte muß verstehen, daß die Kriterien für ein gutes Eröffnungsbündnis andere sind als die für ein gutes Endgame-Bündnis. Am Anfang sollte man mit allen Spielern verhandeln und nach Bündnissen für die Zukunft genauso Ausschau halten wie nach Bündnissen für die Gegenwart. Die Autoren haben sich in der Partie Nanook kennengelernt, mit von Moltke als Deutschland (Überraschung!) und Bismarck als Türkei. Am Anfang verbündete sich Deutschland mit Frankreich und die Türkei mit Österreich, aber hinter den Kulissen vereinbarten sie damals schon ein Bündnis. Die frühen Bündnisse führten zu frühen Gewinnen, aber das D/T-Bündnis realisierte einen vernichtenden Angriff zusammen mit Österreich gegen Rußland, gefolgt von einem einfachen Weg zum Zweier-Draw entlang der Versailles-Linie. Dieser Artikel entstand aus unseren Überlegungen nach dem Spiel über die strategischen und diplomatischen Erwägungen, die zum Endergebnis dieser Partie führten. Abgesehen von seltenen Bündnissen wie R/T und D/I, die leicht vom Anfang bis zum Ende zusammenarbeiten können, sind an Zweier-Draws normalerweise Spieler beteiligt, die bei der Eröffnung nicht direkt verbündet waren. Der Spieler, der für einen Zweier-Draw bereit sein will, muß das von Anfang an im Hinterkopf haben.

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