Wie ein Flummi-Ball - Bouncing im Diplomacy
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von Mark B. ("Murky") (murky@lspace.org)

ÜBERSETZT VON TIMO MÜLLER
 

Was ist ein Bounce?

Unter Bounce versteht man einen fehlgeschlagenen Bewegungsbefehl.

Beispiel:
Frankreich: F Bre-Eng
England: F Lon-Eng

Beide Züge würden bouncen, weil es einen Konflikt gibt, an dem zwei gleichstarke Kräfte beteiligt sind.

Frankreich: F Bre-Eng (*bounce*)
England: F Lon-Eng (*bounce*)

... die Einheiten bewegen sich nicht.

Doch

Frankreich: F Bre-Eng
England: F Lon-Eng, F Nth S F Lon-Eng

würde nur einen englischen Zug ergeben, da es 2:1 in Überzahl ist.

Frankreich: F Bre-Eng (*bounce*)
England: F Lon-Eng, F Nth S F Lon-Eng

Falls beispielsweise Deutschland F Den-Nth befohlen hat, wäre die Unterstützung unterbrochen und die Züge nach Eng wären wieder 1:1 ausgeglichen und würden wieder bouncen!

Warum sollte ein Bounce arrangiert werden?

Ein Bounce ist nicht immer eine schlechte Sache (wie wenn er für einen gescheiterten Angriff steht), sondern oft die einzige logische Wahl. (Obwohl er vielleicht nicht die wünschenswerteste Wahl ist, schließlich agieren die anderen Spieler nicht zu deinem Nutzen!) In den Eröffnungszügen können beispielsweise sowohl England als auch Frankreich in den Englischen Kanal ziehen, und für beide Mächte ist es sehr schwierig, eine gegnerische Einheit dort stehen zu haben, weil dann Heimat-VZ verteidigt werden müssen. Man kann natürlich verhandeln, so daß sowohl Lon als auch Bre anderswo (mit mehr Nutzen) eingesetzt werden, aber man kann dem anderen Spieler nie ganz vertrauen, ob er auch seinen Teil der Abmachung einhält.

Sehen wir uns einmal eine vereinfacht dargestellte Situation an und ignorieren wir dabei alle anderen möglichen Einflußfaktoren.

  F Lon-Eng Nicht F Lon-Eng
F Bre-Eng (*Bounce*)
Bringt keine der beiden Mächte weiter, aber immerhin wurde kein Schaden angerichtet.
Gut für Frankreich, schlecht für England.
Nicht F Bre-Eng Gut für England, schlecht für Frankreich. Gut für beide.

Hier bin ich davon ausgegangen, daß ein sofortiger vorteilhafter Angriff erwünscht ist - es ist vielleicht langfristig nicht gut, den beabsichtigten Krieg schon im allerersten Zug anzufangen, aber das hängt von anderen Mächten und anderen Erwägungen ab. Ich bin davon ausgegangen, daß man von Anfang an Schaden anrichten will. Falls diese Annahme nicht zutrifft, sind die Vorteile des Zuges nach Eng geringer, doch die Nachteile, die auftreten, wenn der andere Spieler nach Eng zieht, sind dieselben - genauso wie die "beste" Kombination der beiden Züge. Das Ergebnis ist dann sogar noch schlechter für die eigenen Absichten!

Diese Tabelle ist nicht die ganze Geschichte, andere Faktoren müssen auf jeden Fall eingerechnet werden.

Stell dir vor du bist Frankreich.

Falls England nicht F Lon-Eng zieht, hast du zwei Möglichkeiten, beide gut für dich, aber eine ist dazu noch schlecht für England. Es liegt in deinem Interesse, F Bre-Eng zu ziehen.

Falls England F Lon-Eng zieht, wirst du Bre nicht woanders hin ziehen wollen, also ist das beste, was du tun kannst, den Engländer zu bouncen, indem du F Bre-Eng ziehst.

In jedem Fall, egal, was der Engländer macht, bist du besser dran, wenn du F Bre-Eng ziehst. Eine ähnliche Argumentation aus englischer Sichtweise zeigt, daß F Lon-Eng der "beste" Zug für England ist, ega, was Frankreich tut.

Aber daraus ergibt sich, daß beide Einheiten stehenbleiben, und daß beide Mächte nicht alle möglichen VZ einnehmen können (z.B. bekommt Frankreich im ersten Jarh nur zwei VZ, nicht drei). Falls ihr euch beide irrational verhalten hättet und beide nicht nach Eng gezogen wärt, wärt ihr beide besser dran - aber das ist kein "sicherer" Zug! (Dies ist eine Form des "Gefangenendilemmas", eines berühmten Beispiels in der Spieltheorie; aber es ist eine Vereinfachung, da in Wirklichkeit viele andere Variablen in Betracht gezogen werden müssen.)

Im Großen und Ganzen tritt ein "begrenzter Bounce" dann auf, wenn ein bestimmter Zug eines der beiden Spieler für beide Spieler schlecht wäre, so daß sich beide Spieler auf einen Bounce einigen. Er legt den Zug des anderen Spielers fest, denn wenn er sich nicht auf den Buonce einläßt, hat man selbst die Oberhand! Da das durch eine Vereinbarung festgelegt wird, wird es von den zwei Spielern nicht als Angriff gesehen (aber kann von den anderen so empfunden werden, was ein Vorteil sein kann).

Das Problem ist, daß man an einem gewissen Punkt dem anderen Spieler vertrauen und den Bounce auflösen muß - oder genug Einheiten aufbauen, um die Blockade zu durchbrechen (was möglicherweise eine Flanke für eine andere Macht öffnen würde). Falls man die Vereinbarung nicht aufhebt, ist mindestens eine Einheit jeder der beiden Mächte die ganze Zeit über gebunden, mit den Köpfen so fest ineinander verkeilt wie zwei kämpfende Widder! Wie William Poundstone in seinem Buch "Das Gefangenendilemma" sagt: versuche, Gefangenendilemmas zu vermeiden!

Diesen gegenseitigen Bounce sehen wir oft im Schwarzen Meer (die russische Flotte kommt selten bis ins Mittelmeer, solange der Türke lebt), im Englischen Kanal, zwischen Venedig und Triest usw. Wir erleben ihn auch oft zwischen zwei Mächten, die einen Krieg vortäuschen wollen, aber in Wirklichkeit verbündet sind.

Der Selbst-Bounce

In manchen Situationen ist es praktisch, sich selbst zu bouncen. Das mag dem uninformierten Spieler unnütz vorkommen, kann aber eine sehr effektive Taktik sein.

Gehen wir einmal von der folgenden Situation aus:

Frankreich: A Bur, A Spa
Italien: A Pie, F Wes
Deutschland: A Mun

Frankreich versucht, alle seine VZ zu halten, und gleichzeitig die Einheiten an Ort und Stelle zu lassen, um eine deutsche Invasion im Norden zu verhindern. Frankreich kann nicht einfach Bur nutzen, um die italienische Einheit in Pie zu bouncen, da der Italiener mit Pie vielleicht gar nicht angreift, und Frankreich dann umso offener für einen deutschen Angriff wäre.

Was soll Frankreich tun?

Die offensichtliche Lösung ist der Selbst-Bounce:

Frankreich: A Bur-Mar, A Spa-Mar
Italien: A Pie-Mar, F Wes-Spa(sc)
Deutschland: A Mun-Bur

Das ergäbe einen Bounce in Marseille zwischen Pie, Bur und Spa. Diese drei Einheiten bleiben stehen, folglich bounct auch der deutsche Angriff auf Burgund, genauso wie der italienische Angriff auf Spanien. Selbst wenn Italien mit Pie nicht Marseille angreift, kann der Franzose dank dem Selbst-Bounce immer noch Burgung und Spanien beschützen.

Sieht perfekt aus, nicht? Drei Provinzen werden mit nur zwei Einhetien verteidigt? Leider ist das Leben niemals perfekt, und die oben geschilderte Situation habe ich ausgewählt, weil es für den Italiener einen Weg gibt, um die französische Verteidigung herumzukommen. Versuche, ob du sie herausbekommst - sie ist ziemlich schlau.

Nicht schummeln, versuch zuerst, sie selbst herauszubekommen!

Die Antwort liegt im Unterstützungsbefehl, diesem normalerweise hilfreichen, freundlichen und anspruchslosen Befehl, der hier mit schlechten Ergebnissen für die unterstützte Seite angewandt werden kann.

Frankreich: A Bur-Mar, A Spa-Mar
Italien: A Pie S (die französische!) A Spa-Mar, F Wes-Spa(sc)
Deutschland: A Mun-Bur

Schlau, nicht wahr? Das ist als "hinterhältige Unterstützung" oder "ungewollte Unterstützung" bekannt. Indem Pie den Zug von Spanien nach Marseille unterstützt, hat Italien sichergestellt, daß der Zug auch wirklich passiert - also läßt der Franzose Spanien unbesetzt zurück, das unweigerlich Italien zufällt.

Doch es gibt Zugbefehle, mit denen der Franzose dieser Falle entgangen wäre...

Frankreich: A Bur H, A Spa H

Leider muß Italien aber A Pie-Mar ziehen, damit Frankreich diese Züge nützen. Nun sind wir im Teufelskreis - falls Italien mit Pie Mar angreift, sollte Frankreich den gegenseitigen Bounce befohlen haben! Hieraus sollte ersichtlich sein, daß es im Diplomacy so etwas wie "gute Befehle" oft nicht gibt. Befehle stehen und fallen mit den Zügen der anderen Spieler, und da es sich um ein Spiel mit unvollständigen Informationen handelt (man macht einen Zug, ohne zu wissen, wie der andere befohlen hat), müssen wir lernen, damit zu leben.

Falls du dich jemals in einer Situation wie der oben geschilderten wiederfindest, atme tief durch und werf eine Münze...

Der Selbstangriffs-Bounce

(oder: Wie man sich verteidigt, indem man sich selbst angreift)

Diese Situationen basieren auf einer Situation, die in der Carrot-Partie entstand.

Nehmen wir die folgende Situation im Endgame an:

England: F Bal, A Ber, F Fin, F GoB, A Kie, A Mos, A Mun, A Pie, A Pru, A Ruh, A StP
Türkei: A Boh, A Gal, A Sev, A Sil, A Tyr, A Ukr, A War

England versucht, in die türkische Linie einzubrechen, aber er kann nichts tun, um zu verhindern, daß Moskau an den Türken fällt (es wurde als unwahrscheinlich angesehen, daß Warschau nicht an einem Angriff auf Moskau beteiligt wäre, und so konnte ein Angriff auf Preußen ausgeschlossen werden.) England möchte versuchen, Warschau unbesetzt zu halten, nimmt aber an, daß der Türke lieber Einheiten in Warschau und Schlesien hätte als in Böhmen und Warschau oder Schlesien. Das heißt, daß die türkischen Befehle entweder

A Gal-War, A Sil S A Gal-War sein werden, oder
A Sil-War, A Gal-Sil.

Um beide Möglichkeiten zu verhindern, müssen also sowohl Schlesien als auch Warschau angegriffen werden, wenn möglich mit genug Einheiten, um sie vertreiben zu können, so daß der Türke zwangsläufig auflösen muß. Das Problem ist, eine Befehlsfolge zu finden, bei der die eigene Verteidigung nicht geschwächt wird, egal, ob der Angriff erfolgreich ist oder nicht.

Da ein starker Angriff geführt werden soll, kann München nicht als unterstützende Einheit benutzt werden, es muß selbst angreifen (damit die Unterstützung nicht gekappt werden kann). Doch das würde leider München selbst für Angriffe anfällig machen, da eine Unterstützung beim Halten nicht möglich wäre. Wenn der Zug A Mun-Sil erfolgreich wäre, würde es sogar leerstehen und umso leichter eingenommen werden können!

England löste diese widersprüchlichen Anforderungen, indem er einen Bounce in München inszenierte, also einen Angriff auf München mit mehreren eigenen Einheiten, um feindliche Einheiten abzuwehren. Falls er mit mehr Einheiten angreifen würde als der Gegner, könnte München nicht vertrieben werden, weil man ja nicht seine eigenen Einhetien vertreiben kann. Außerdem unterstützte England den Zug von München nach Schlesien in der Hoffnung, daß Schlesien vertrieben und damit aufgelöst werden müßte.

Eine mögliche Befehlsfolge für diese Situation wäre (beachtet, daß wir hier keinen richtigen Selbstangriffs-Bounce sehen):

England:
A StP S A Mos H
A Mos S A Pru-War (gekappt, vertrieben, Rückzug nach Lvn) Es bleibt nur die Hoffnung!
A Pru-War (*bounce*) Damit War nicht besetzt werden kann.
A Kie S A Ruh-Mun
A Bur S A Ruh-Mun
A Ruh-Mun Nun kann niemand mehr München einnehmen.
A Mun-Sil So daß Sil nicht Gal-War unterstützen kann.
A Ber S A Mun-Sil Um vielleicht eine Auflösung zu erreichen.

Türkei:
A War-Mos
A Ukr S A War-Mos
A Sev S A War-Mos Unbedingt ein VZ erobern.
A Gal-War (*bounce*) Um die Verteidigungslinie zu halten... Versuch schlägt fehl.
A Sil S A Gal-War (gekappt, vertrieben, aufgelöst, weil kein Rückzug möglich)
A Boh-Mun (*bounce*)
A Tyr S A Boh-Mun Versuch, München einzunehmen.

Dies hätte die türkische Position ziemlich schwer beschädigt, vor allem, weil in dieser Phase des Spiels England nur noch ein VZ brauchte, um zu gewinnen.

Wir sahen aber in Wirklichkeit die folgenden Befehle:

England:
A Mos S A Pru-War (gekappt, vertrieben, Rückzug nach Lvn)
A StP S A Mos H
F GoB H
F Fin H
F Bal S A Ber-Pru
A Pru-War (*bounce*)
A Bur S A Ruh-Mun
A Ruh-Mun (*bounce*)
A Mun-Sil (*bounce*)
A Ber S A Mun-Sil
A Kie S A Ruh-Mun

Türkei:
A Tyr-Mun (*bounce*)
A Boh S A Sil H
A Sil H
A Gal-War (*bounce*)
A War-Mos
A Ukr S A War-Mos
A Sev S A War-Mos

München wird also von drei Einheiten seiner eigenen Seite angegriffen ("friendly fire") und zwei von der Gegenseite. Die angreifenden gegnerischen Einheiten bouncen, und da München nicht von den eigenen Landsleuten vertrieben werden kann, bouncen die englischen Einheiten auch und München ist gesichert.

Der Vorteil davon ist, daß die Einheit in München in der Lage war, Unterstützungen gegnerischer Einheiten zu kappen - was nicht möglich wäre, wenn es beim Halten unterstützt werden müßte.

Der Belagerungs-Bounce

(oder: wie man sich verteidigt, indem man angegriffen wird)

In der Partie, aus der das obengenannte Beispiel eines Selbstangriffs-Bounce entnommen wurde, gab es auch eine Belagerungs-Bounce-Situation. Sie war meiner Meinung nach dramatischer, aber auch deutlicher konstruiert.

Die Situation war, daß England 17 VZ hatte und nur noch eines zum Sieg brauchte. Italien hatte nur Tunis - weder Italien noch die Türkei konnten es sich leisten, England Tunis erobern zu lassen, da dies den sofortigen Sieg für England bedeutet hätte. Die Türkei hatte 16 VZ, der Rest des Bretts war in Stalemate-Positionen.

Italien konnte mit seiner Einheit nichts anderes tun als halten, da es sonst um fünf vor zwölf ausgeschieden wäre. Daher sahen wir viele Züge lang die folgenden Züge:

England: F Wes S F NAf-Tun, F NAf-Tun (*bounce*)
Italien: F Tun H
Türkei: F Ion S F Tyn-Tun, F Tyn-Tun (*bounce*)

Obwohl Tunis mit vielfach überlegener Stärke angegriffen wurde, blieb es wie es war, da die beiden gegnerischen Kräfte sich gegenseitig bouncten, während Tunis, als die belagerte Einheit, überlebte.

Zu diesem Zeitpunkt sah alles nach einem unvermeidlichen Dreier-Draw aus, aber dann versäumte es England, Tunis anzugreifen, und da diese Einheit nun nicht länger belagert wurde, wurde sie von der Türkei vertrieben. England überließ seinem Todfeind also ein VZ, so daß Italien ausschied und das Spiel in einem Zweier-Draw endete, in den späten 1920ern (statt in einem Dreier-Draw). Diplomacy ist kein nettes Spiel...

Zusammenfassung

Wir haben also einige schlaue Möglichkeiten gesehen, wie der Bounce kreativ in einem Spiel eingesetzt werden kann, den Selbst-Bounce und den Belagerungs-Bounce. Wir haben auch einige Möglichkeiten gesehen, wie diese Züge geschlagen werden können, die "hinterhältige Unterstützung" und den "fehlschlagenden Angriff". Nun schaut, ob ihr sie in euren Partien wiederfindet!

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