Diplomatie ohne Spielbrett
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von Manus Hand (manus@diplom.org)

ÜBERSETZT VON JAN BAIER
 

Manus:
Ihr müsst am Freitag im Büro ohne mich die Stellung halten. Ich bin in Seattle.

Mitarbeiter:
Ach wirklich? Warum fährst du hin?

Manus:
Wegen einem Diplomacy-Turnier.

Mitarbeiter:
Schon wieder eins? Was ist dieses Diplomacy-Ding eingentlich?


Ich bezweifle, daß ich der einzige Diplomacy-Spieler bin, der diese Frage nur schwer beantworten kann. Ich muß sie jedesmal beantworten, wenn ein neuer Bekannter mein Engagement für dieses Hobby mitbekommt, und ich kann mir vorstellen, daß jeder, der dies hier liest, die selbe Erfahrung gemacht hat. Es ist eine traurige Tatsache, daß ich die Frage in der Vergangenheit nur sehr schlecht beantworten konnte, so daß der Mitarbeiter, den ich oben erwähnte, mir die Frage mehr als einmal stellen mußte.

Wie beschreibt man das Spiel den Leuten, die nichts darüber wissen? Vielleicht macht das jeder anders, und vielleicht hat auch jemand eine gute Antwort. Ich habe bisher nie eine gute Antwort gefunden (oder war nicht in der Lage, sie zu formulieren).

Zu eurem Pech habe ich mich - aus bestimmten Gründen - entschlossen, einen Artikel zu schreiben, der versucht, eine Antwort zu finden, die wir alle nutzen können. Glücklicherweise habe ich zumindest den Anfang dieses Artikels im Kopf. Nun ist es noch eine Anstrengung, diese Gedanken auf die Seiten dieser Zeitschrift zu bringen.

Laßt uns anfangen.

Um den Anforderungen einer Antwort auf die Frage "Was ist Diplomacy?" gerecht zu werden, muß sie kurz gehalten werden, denn sie muß "Small Talk"-kompatibel sein. Man steht mit einen Cocktail-Glas in der Hand da und plötzlich - direkt nach der Frage: "Was machst du beruflich?" - ist sie da. Die Frage nach der Diplomacy-Antwort. Es könnte "Was machst du in deiner Freizeit?" oder "Reist du oft?" oder vielleicht "Was hast du am letzen Wochenende gemacht?" sein. Wie auch immer die Frage lautet, die Antwort heißt Diplomacy. Wie antwortet man? Vielleicht kennt man den Fragenden noch nicht gut, aber man will die Chance, ihm von Diplomacy zu erzählen, sicher nicht verstreichen lassen. Aber wie macht man das?

Die Antwort darf nicht offenbaren, wie sehr man hofft, daß der Fragende jedes einzelne Detail des Spieles wissen möchte. Das würde ihn nur abschrecken. Es würde so aussehen, als wollte man den Gegenüber zu Diplomacy zwingen. Ein weiterer Grund für eine kurze Antwort ist, daß man nicht als völliger Trottel dasteht, der sein ganzes Leben um ein bescheuertes Spiel herum aufbaut (auch wenn das für mich - äh, ich meinte euch durchaus zutrifft).

Der offensichtliche Nachteil einer kurzen Antwort ist, daß man keine treffende kurze Antwort geben kann. Die Gefahr dabei ist, Diplomacy zu "abgedroschen" klingen zu lassen, als wenn es "nur so ein Spiel" wäre. Man verliert dadurch die Chance, beim Gegenüber Interesse zu wecken. Wenn man es bei "Ein Spiel, das ich mag." beläßt, wird man schnell in die "Mensch ärgere dich nicht"-Schublade gesteckt. Oder schlimmer: Einer von den "Puste auf den Tisch und alle tausend Kartenteile verrutschen, so daß man das Spiel, das schon eine Woche gedauert hat, wieder von vorne beginnen muß, ständig die Ereignistabellen für den 20-seitigen Würfel studierend, ob auch wirklich jeder Soldat seine Knöchel bewegt hat"-Wargamer (soll bitte niemand als persönlichen Angriff werten). Oder genauso schlimm: ein "Dungeons & Dragons" oder "DAS"-Spieler, der den Bezug zur Realität verloren und einen Pakt mit dem Teufel oder Sonstwem geschlossen hat.

Ein Grund dafür, warum man nicht einfach sagen kann: "Es ist ein Brettspiel" ist, daß dann unweigerlich die nächste Frage gestellt wird: "Aha. Und wie spielt man das?" Hier kommt man ins Stocken. Was kann man dann tun?

Aus mehreren Gründen kann man die Frage nicht mit der Erklärung der Spielregeln beantworten. Wenn du einen Monopoly-Spieler nach seinem Hobby fragst und er anfängt, dir die Spielregeln zu erklären, dann mag das funktionieren. Selbst wenn er nur die Grundlagen erzählt, ist dieses Spiel doch recht leicht zu verstehen. Er muß nur erzählen, daß die Spieler würfeln müssen, um ihren Spielstein auf der Karte zu bewegen, daß man die Straßen, auf denen der Stein landet, kaufen kann, um dort dann Häuser und Hotel zu bauen, daß man Miete zahlen muß, wenn man auf einer fremden Straße landet und daß der Spieler mit dem meisten Geld gewinnt. Natürlich habe ich die Hypotheken und solche Dinge nicht erwähnt, aber die Grundregeln sind in einer Minute so erklärt, daß der Gegenüber es nachvollziehen kann. Diplomacy ist ein Spiel, das schwerer zu beschreiben ist.

Wie beantworten wir normalerweise die Frage "Was ist Diplomacy?" Welches ist die häufigste Antwort, die wir geben? Aus irgendeinem Grund ist die häufigste Antwort "So eine Art Risiko für sieben Spieler." Ich persönlich mag diese Antwort nicht. Ich glaube Diplomacy ist nicht mit Risiko zu vergleichen. Gibt es bei Risiko Allianzen? Wird bei Risiko gleichzeitig gezogen? Hoffen Diplomacy-Spieler auf einen hohen Wert beim Würfeln? Nein, nein und nein. Viele Spieler vertrauen aber auf diese Antwort und verlagern somit das Gespräch in den meisten Fällen in eine andere Richtung, ohne daß eine Nachfrage zu Diplomacy kommt. Das Problem ist: Der Fragende hat nichts über Diplomacy erfahren. Das nächste Mal, wenn er etwas von Diplomacy hört, stellt er sich dutzende Plastiksteine vor, die durch drei Sechsen auf einen roten Würfel nach Kamtschatka geschoben werden. Er wird sich Diplomacy als eine Variante von Risiko vorstellen.

Spieler, die wissen, daß "Risiko für sieben Spieler" keine gute Antwort ist, hängen gerne noch ein "aber ohne Würfel" dran, um darauf aufmerksam zu machen, daß es noch mehr zu erklären gäbe. Manchmal machen sie mit "Es ist aber auch eine Art Schach für 7 Spieler" weiter. Das ist ein guter Versuch, das Spiel auf eine höhere Ebene zu stellen und dessen Anforderungen an das Gehirn aufzuzeigen. Wenn man jemanden soweit bekommt, sich eine Mischung aus Schach und Risiko vorzustellen, stehen die Chancen gut, daß derjenige mehr darüber wissen will. Wir sind aber nocht nicht fertig. Wie beantwortet man die Folge-Frage, in der es um das Spiel Diplomacy geht und nicht um die Spiele, die Diplomacy (wenn auch nur wenig) ähnlich sind?

Wie ich oben schon sagte, kann man nicht einfach die Regeln erzählen, wie man es beim Monopoly tun würde. Obwohl die Diplomacyregeln sehr einfach sind, würde jede kurze Erklärung (zum Beispiel "die Spieler ziehen ihre Steine gleichzeitig, nachdem sie mit den anderen Spielern Pläne geschmiedet haben") eine völlig unzureichende Beschreibung des Spieles liefern und eine längere Erläuterung forden. Jeder Gesprächspartner würde eine weitere Frage ("Was meinst du mit 'gleichzeitig'? Wie soll das gehen?") instinktiv vermeiden. Wie interessiert er auch ist, er würde nun nicht seine grauen Zellen anstrengen wollen, um hinter die Mechanik der gleichzeitigen Züge zu kommen. Der Gesrächspartner möchte Small-Talk führen und nicht einem Monolog über ein Thema zuhören, das für ihn - bisher zumindest - ziemlich abgedreht klingt. Es gibt andere Dinge, über die man reden kann, und andere Gesprächspartner, und das, worüber du redest, klingt nach einem langen, einseitigen Vortrag über ein Thema, das nur einen Einzigen interessiert.

Ein Satz wie "die Spieler ziehen ihre Steine gleichzeitig, nachdem sie mit den anderen Spielern Pläne geschmiedet haben" läßt dich außerdem ein wenig arrogant wirken. Denn du weißt zwar, daß du nicht mehr weiterredest, weil du umgänglich sein willst, aber die fehlenden Erklärungen zu dem Satz lassen den Gesprächspartner mit dem Gefühl zurück, daß du dächtest, "ich verstehe Diplomacy, aber du wirst es wohl nicht verstehen, also reden wir über etwas anderes." Der Satz hört sich so an, als ob jede Nachfrage unter deiner Würde wäre.

Im gleichen Moment fühlt sich der Fragende genötigt, mehr über das Spiel zu erfragen. Du hast den schlimmsten Fehler bei einem Gespräch begangen - du hast dem Gesprächspartner das Gefühl gegeben das Thema nicht wechseln zu dürfen. Wenn er doch eine nach einer Erklärung fragt, gebe ich dir mein Wort, daß er dir bei deiner Antwort nicht zuhören wird - er konzentriert sich auf eine Möglichkeit, aus diesem Gespräch hinauszukommen, und zu einem Thema zu wechseln, bei dem er eher mitreden kann. Egal ob er dich aus Höflichkeit fragt, oder ob er es nicht tut, es ist das Ende der Lockerheit und das Ende der Straße. Er kann dem Gespräch nichts mehr abgewinnen, und du auch nicht, denn du hast einen potentiellen Diplomacy-Spieler verloren. Du hast ihn verloren, weil du das Spiel in einem Gespräch nicht kurz und prägnant erklären konntest.

Am schlimmsten ist, daß Erklärungen der Regeln nichts über den Sinn des Spieles aussagen. Der Grund dafür ist, daß das Spiel nicht wirklich auf dem Spielbrett, sondern in unseren Köpfen stattfindet. Das Problem also ist, wie man ein Brettspiel beschreibt, das nicht wirklich auf einem Brett gespielt wird.

Glaubt es oder glaubt es nicht, ich denke ich habe den Anfang der Lösung für unser Problem gefunden. Und zwar mit Hilfe der aktuellen Fernsehkultur. Es gibt eine Menge Fernsehshows, die es wert sind, sie anzusehen. ich persönlich sehe gern den History Channel, den Biography Channel oder den Discovery Channel. Solche Sachen halt. Ich weiß nicht, wie sehr diese Beispiele auf die USA bezogen sind, aber mein nächster Satz wird die nicht-amerikanischen Leser etwas mehr anprechen. Es scheint, daß die besten und populärsten Shows im US-Fernsehen über den einen oder anderen Ozean importiert werden. (Natürlich auch einige der schlechtesten Shows - laßt mich bloß nichts über die "Weakest Links" Show erzählen). Eine dieser guten Shows ist "Junkyard Wars" (im britischen Original: "Scraphead Challenge"). Eine andere ist "Trading Spaces" (OK, ich weiß nicht wirklich, warum ich die mag, liegt vielleicht an meiner Frau und meinen Kindern, aber es ist schon witzig Leuten zuzusehen, die die Häuser von anderen Leuten ruinieren - diese Show ist ein Ableger der britischen Serie "Changing Rooms" [Anm.: im deutschen Fernsehen "Tapetenwechsel" auf Bayern 3]). Eine dritte ist der japanische Import "Iron Chef" (Eine tolle Show!). [Anm.: ähnlich dem deutschen "Kochduell" auf Vox.]

Die Show, zu der das alles hinführen soll, ist aber "Big Brother", eine britische Idee. "Big Brother" ist eine von drei "normale Menschen sind eingesperrt und kämpfen über längere Zeit gegeneinander"-Shows, die erfolgreich im US-Fernsehen laufen. Es gab mehrere von diesen Shows, aber die erfolgreichsten waren "The Mole", "Survivor" und "Big Brother".

Für diejenigen, die die Shows nicht kennen, eine kurze Erklärung:


"Survivor" [Anm.: deutsch "Inselduell"]

Zwei Gruppen von Leuten werden am Ende der Welt ausgesetzt und müssen dort überleben, ohne Hilfe von außen. Jede Woche wird einer aus jeder Gruppe herausgewählt und muß nach Hause fahren. Wenn beide Gruppen kleiner geworden sind, werden sie zu einer Gruppe gemischt. Wenn ich mich recht erinnere (vielleicht liege ich falsch - ich habe "Survivor" nicht oft gesehen), wurde im ersten Jahr nur eine Gruppe auf die Insel geschickt. Die Aufteilung wurde als Reaktion auf die erste Staffel eingeführt, in der die Spieler sich selbst in zwei starke Allianzen (wie beim Diplomacy) aufteilten.


"The Mole" [Anm.: deutsch "Der Maulwurf"]

Eine Gruppe von Leuten wird zusammengewürfelt und muß als Team Aufgaben lösen. Sie gewinnen durch Lösung der Aufgaben Geld für den Gesamtgewinn. Einer aus der Gruppe ist auserwählt, alles dafür zu tun, daß die Gruppe scheitert. Jede Woche werden die Mitspieler einzeln solche Fragen wie "Welche Augenfarbe hat der Maulwurf?" oder "Wieviele Kinder hat der Maulwurf?" gefragt. Der Spieler mit den wenigsten Punkten aus der Frageserie ist aus dem Spiel. Am Ende sind nur noch der Maulwurf und ein anderer Spieler dabei. Dieser andere gewinnt das Spiel. Dieses Spiel hat ebenfalls viele Parallelen zu Diplomacy. So versuchen manche Spieler absichtlich das Team scheitern zu lassen und lassen sich dabei erwischen. Dann machen sie normal weiter, damit das Team die Aufgabe schafft. Ein solcher Spieler hofft - weil er "erwischt" wurde - daß die anderen Spieler ihn nun für den Maulwurf halten und dementsprechend in der Fragerunde mehr falsche Antworten geben werden als er. Natürlich machen sich alle Spieler ihre Gedanken: "Wollte er dabei erwischt werden?" Das Spiel dreht sich um doppeltes Spiel und Täuschung der anderen. Und das nicht nur für den echten Maulwurf, sondern für alle Spieler.


"Big Brother"

Zwölf Leute werden in ein Haus gesteckt, ohne Kontakt zur Aussenwelt. Überall sind Kameras, die alles im Haus und vor dem Haus aufzeichnen (deswegen der Orwellsche Name). Jede Woche wird ein Spieler durch Wettbewerbe während der Woche zum "Head of Household" und darf zwei Spieler nominieren. Einer von diesen beiden Spieler wird dann von den anderen Insassen aus dem Haus gewählt. Es gibt auch noch einen Wettbewerb, dessen Gewinner einen der Nominierten wieder ent-nominieren darf. Es gibt permanente Bestrebungen, den "Head of Household" zu überreden, einen bestimmten Spieler zu nominieren. Außerdem wird versucht, die Leute, die Stimmrecht haben, zu überzeugen, gegen einen bestimmten Spieler zu stimmen. Es wird eigentlich ständig darüber geredet, wie irgendeiner wohl abstimmen wird. Die einzige Hoffnung für die Spieler ist, die einzelnen Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und abzuwägen, wem man trauen kann. Manchmal wechseln die "Feindschaften" plötzlich. Ein Spieler nominiert einen anderen, der sein bester Freund im Haus war, und sorgt damit für jede Art von Gerüchten. Aber vielleicht ist das Ganze abgesprochen und die beiden Spieler sehen darin ihre einzige Chance, den zweiten Nominierten loszuwerden? Im Glauben, daß die anderen Spieler dem betrogenen besten Freund zur Hilfe eilen und somit gegen den anderen stimmen - was sie sonst nicht gemacht hätten. Der Schlüssel ist, die gegnerische Allianz zu schwächen. Herauszufinden, wo die Allianzen stecken, ist genauso schwer wie zu wissen, wie man sie am besten schwächen kann. (Das kommt dir bekannt vor?)


Eine Menge Diplomacy-Spieler haben erkannt, wie sehr "Survivor" unserem Spiel ähnelt und haben darüber diskutiert [Anm.: Usenet: rec.games.diplomacy]. Einige haben sogar "Survivor"-ähnliche Regeln kreiert, um eine Survivor-Variante zu spielen. ("äh, ist das nicht das gleiche, wie wenn man das letzte VZ eines anderen Spielers erobert?") Wie ich schon sagte: Ich habe "Survivor" nicht verfolgt. Ich hatte oft das Gefühl - vor allem in der ersten Staffel, die eine große Sensation war - daß ich der einzige im ganzen Land war, der das tat. Ich weiß nicht. Irgendwie gab es an der Serie nichts, das mich gepackt hätte. "Big Brother" ist anders. Ich mag die Show. Der Grund dafür ist, daß ich darin Diplomacy in einem größeren Maßstab sehe.

Ich habe "Big Brother" gesehen und konnte erkennen, wer das Spiel gut spielte und wer nicht. Mit unserer Brettspiel-Erfahrung ist es für uns einfacher, die einzelnen Schachzüge zu erkennen, warum zum Beispiel ein Spieler etwas in einer bestimmten Art zu einem bestimmten Mitspieler sagt. Wir erkennen - vermutlich besser als viele andere Zuschauer- die schleichenden Fehler, die die "Big Brother"-Spieler machen, und dann sehen wir die Mitspieler diese Fehler diskutieren und aufdecken.

Durch unsere Diplomacy-Erfahrung erkennen wir, welche Spieler in der Anfangsphase des Spieles gut sind, in der es noch viele andere Spieler gibt, hinter denen man sich verstecken und sich dadurch sicher fühlen kann. Wir sehen, welche Spieler ihre Stärken im Mittelspiel haben, wenn es eher um Verteidigung und gute Partnerschaften geht. Und wir sehen die nervenstärksten Spieler, wie im Endgame einer Diplomacypartie. All das gespielt im Fernsehen.

Die besten Spieler versuchen ständig, die anderen zu beeinflussen, in die Haut der anderen zu schlüpfen oder sich als bester Freund anzubiedern. Sie schauspielern Verärgerung oder Traurigkeit. Sie stimmen einem Plan zu, obwohl sie nicht die Absicht haben, diesem Plan zu folgen. Sie tun alles, um das Spiel zu gewinnen.

Wir sehen Spieler routinemäßig anderen den Dolch in den Rücken stoßen. Wir sehen und fühlen die privaten oder öffentlichen Qualen der Spieler über Entscheidungen, eine Allianz zu brechen. Wir überlegen mit den Spielern, was für sie das Beste wäre: dem Freund beizustehen oder ihn über die Klinge springen zu lassen. Wir hören geflüsterte Diskussionen darüber, wer als nächstes dran ist und wie das gemacht werden soll. Spieler verlieren absichtlich beim Kampf um den Posten des "Head of Household" oder des Vetorechtes, weil sie darin in dieser Woche keine Vorteile sehen. Sie versuchen andere Spieler gegen deren Willen in diese Positionen zu drängen, damit diese Farbe bekennen müssen. Wir hören die Bitten um Freundschaft ebenso wie offene Feindseligkeiten. Heimlichkeiten und Verschwörungen im Überfluß, und die Kameras nehmen alles auf und senden es. Die Zuschauer sehen alle Verhandlungen eines kompletten Diplomacy-Spieles mit dem Ziel, ein Solo zu erringen (so wie es sein sollte).

Außerdem (und das ist vielleicht sogar noch wichtiger) können die Zuschauer jederzeit die wiederholten Freundschaftsversprechen und Versicherungen hören wie wie "Ich habe das nur getan, weil es ein Spiel ist. Im echten Leben bleiben wir natürlich Freunde. Ich versuche nur, genau wie du, das Spiel zu gewinnen." Alle Zuschauer und Spieler verstehen und glauben solche Sätze, weil alle wissen, daß sie wahr sind. Die Spieler sind wirklich Freunde geworden. Zusammengesteckt, eingesperrt und aufeinander angewiesen in einem engen Haus, lernen die Spieler alles über ihre Mitspieler. Es wäre für sie unmöglich, kein Mitgefühl für die Schwächen der andern zu entwickeln. Sie fühlen miteinander, da sie ja ihre Familie nicht dabei haben und es ist offensichtlich, daß niemand in dem Haus wirklich ein Feind ist. Jeder sieht so viel alltägliches Leben von den Mitspielern, um zu erkennen, daß niemand im wahren Leben ein unmoralischer, hinterhältiger Halunke sein kann. Es sind einfach ein paar normale Leute, die ein Spiel spielen, um zu gewinnen.

Das ist Diplomacy. Es freut mich wirklich, daß es im Fernsehen so ein großer Erfolg ist. Ich würde gerne eine "Big Brother"-Staffel mit gestandenen Diplomacy-Spielern als Bewohner sehen. Ich würde da sogar freiwillig mitmachen.

Es scheint, daß unser Spiel ansprechender ist, als wir bisher vermutet hatten. Wir hatten es nur immer schwer, es anderen zu erklären. Nun, da wir gemeinsame Beziehungspunkte haben - eine Show wie "Big Brother", die beim Fernsehpublikum bekannt und sehr eng mit Diplomacy verwandt ist - haben wir vielleicht endlich eine kurze und prägnante Antwort auf die Frage, mit der wir bisher nicht umgehen konnten. Und noch besser: diese kurze und prägnante Antwort, die ich nun vorstellen werde, beinhaltet genügend Informationen, um einen Fragenden - wenn er nicht abgeneigt ist - in unser Hobby zu involvieren und unserer Gemeinschaft beitreten zu lassen.

Und daher, als Schlußfolgerung...

Beim nächsten Mal, wenn ich gefragt werde, "was ist Diplomacy?", werde ich so antworten: "Es ist wie 'Big Brother' als Brettspiel." Ich denke, diese Antwort beinhaltet die Essenz des Spieles besser als alles andere, was ich kenne.

Falls jemand "Big Brother" nicht kennt, spricht man einfach über das Fernsehen. Ein Thema, bei dem jeder leicht mitreden kann und sich sicher fühlt. Man ist nicht mehr gezwungen, ein Spiel zu erklären, das nicht so leicht zu erklären ist. Wenn man aber über die Show diskutiert hat, ist es ein Leichtes, zu Diplomacy zurückzukehren und zu sagen, daß es das gleiche ist, nur auf einem Spielbrett. Zu dem Zeitpunkt kann man außerdem einschätzen, ob er Gegenüber interessiert ist oder ob er niemals ein Spiel wie "Big Brother" spielen würde.

Wenn der Fragende aber "Big Brother" kennt, wird er sofort erkennen, daß sich Diplomacy sich um geflüsterte Intrigen, subtile Manöver, um sich Vorteile zu schaffen, und zwischenmenschliche Verhältnisse dreht, und auch darum, die richtigen Vermutungen über die Gedanken und Absichten der Mitspieler anzustellen und zu nutzen. Er wird sehen, daß das alles in einer ruhigen und freundschaftlichen Atmosphäre und Kameradschaft machbar ist. Kurz gesagt: du hast ihm Diplomacy erklärt.

Durch diese Art, das Spiel zu erklären - mit der Parallele zu einer Fernseh-Show -, schrecken die Leute, denen man es erklärt, nicht gleich vor Dingen wie "Überlisten der anderen Spieler" oder "Alles tun, um zu gewinnen, inklusive Betrug" zurück. Niemand wird mehr, weil er dieses Spiel spielt, als hemmungloser Lügner ohne Moral und Skrupel und ohne Achtung für wirkliche Freundschaften angesehen. Hoffentlich wird es genau die entgegengesetzte Reaktion geben. Und das alles, ohne ihnen gleich die Konvoi-Regeln erklären zu müssen.

Schließlich noch ein positiver Aspekt zu einer Tatsache, die Interessierte oft vor Diplomacy zurückschrecken läßt: "... und das Ganze kann man in vier Stunden spielen und nicht in vier Monaten!"

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