Diplomacy-Software
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von Stefan Kainz (skainz@chello.at)
 

Wer spielt heute noch Brettspiele, wo es doch so tolle Computerspiele gibt? Gottseidank spielen viele Menschen Brettspiele. Nicht nur, weil es Spaß macht, sondern weil es für einige Spiele einfach keine sinnvolle Software gibt.

Oder?

Ich fürchte, hier muß man bei Diplomacy eine Unterscheidung machen. Will man gegen den Computer spielen oder will man eine Software, die bei der Auswertung von Zügen unterstützt? Zweiteres braucht man vor allem für Diplomacy per E-Mail, welches den Lesern hier bekannt sein dürfte.

Für des Spiel gegen den Computer gibt es drei mir bekannte Programme:

  • Diplomacy von Avalon Hill für Windows

  • Diplomacy für den guten alten Commodore 64

  • Diplomacy für DOS
  • Für die Auswertung von PPM (Play per Mail) Diplomcy gibt es eine Unzahl an Software für Windows und MacOS. Zu meinem Gram gibt es keine Palm oder PocketPC Software.

    In diesem Artikel möchte ich nur auf die beliebtesten eingehen.

  • Diplo in der Version 2.8 und

  • Realpolitik in der Version 1.6

  • Programme mit Künstlicher Intelligenz (KI)

    Derer gibt es nicht viele, also fangen wir bei Adam und Eva an:


    Diplomacy von 1984 (!)

    DOS Software mit CGA Grafik (4 Farben, 320x240) von Avalon Hill aus dem Jahre 1984! Sollte ins Museum, spielt sich aber gar nicht schlecht.

    Hier ein Beispiel von Befehlen:
    Österreich-Ungarn versucht, eine Armee aus Apulien nach Spanien überzusetzen, mit einem Convoy über ION, TYS und WME. Bei der Software ist eine kleine Anleitung, wo man zwar den Befehl V anführt, aber mit der Bemerkung: "Diplomacy accepts this key but I don't know what's the utility ???" So, jetzt wißt ihr das auch. "V" braucht man zum verschiffen der Armee.

    Alles in allem natürlich keineswegs zeitgemäß. Die KI hat grobe schwächen bei den ersten Zügen. Man kann jederzeit seinen Nachbarn überrumpeln. Züge wie Ven-Tri stoßen auf keinerlei Gegenwehr und auch im Zug darauf kommt keine Verteidigung dagegen. Es gibt auch keine Diplomatie für den Spieler. Die KI verwendet so etwas wie Kriegserklärung und Allianz, aber daß ein Land das andere aktiv unterstützt, ist höchst selten.

    Es ist keine Herausforderung, gegen diese KI zu gewinnen, außer man macht sich selbst einige Vorgaben. Aber um das Prinzip von Diplo-Strategie zu verstehen ist, die Software okay. Die Befehle gibt man per Tastatur ein, was mir persönlich mehr gefällt als die nervige Eingabe bei Diplomacy für Windows (siehe unten). Würde man das Spiel so neu auflegen, mit 256 Farben und höherer Auflösung, und die KI etwas überarbeiten, wäre ich schon glücklich.


    Diplomacy für Commodore 64

    Nunja, nicht jeder hat noch einen alten C-64 daheim, aber es gibt echt gute Emulatoren. Ich bevorzuge Vice.

    Das Spiel hat eine ganz gute KI, vielleicht sogar besser als im nachfolgenden Produkt, Diplomacy für Windows. Die Diplomatie ist leicht bedienbar, allerdings hegen die Computerspieler eine gesunde Vorsicht gegenüber den menschlichen Spielern. Ich habe es noch nie zu einer Allianz geschafft. Ein Nicht-Angriffs Pakt ist aber öfter mal drin.

    Die Bedienung per Tastatur ist nicht schwer, aber natürlich sind wir alle die Maus gewohnt. Das Eingeben der Befehle dauert hier am längsten. Da die Karten nicht besonders aussagekräftig sind, muß man das Spiel gut im Kopf haben. Wenn man die Züge eingibt, sieht man die Karte nicht. Man sieht auf der Karte nur entweder die Einheiten oder die Länder. Die VZs sind nicht gekennzeichnet und man sieht auch nicht, ob eine Einheit eine Flotte oder eine Armee ist. Man muß mit der Maus/dem Zeiger daraufgehen und sieht dann Details zu einer Provinz in einem "Fenster".

    Alles in allem schlecht zu bedienen aber ganz gute, aggressive KI. Ich habe es für den Test drei mal gespielt und jedes mal nur kanpp gewonnen.


    Diplomacy für Windows

    Hier stimmt das Design, hier stimmt der Umfang, aber die KI ist geradezu schlecht. Ich hatte mir einen Fortschritt erwartet seit der Version von 1984. Es gibt dafür die Möglichkeit, Varianten auf der Standardkarte zu spielen. Shift Left, Shift Right, Fleet Rome usw. sind implementiert. Hier die Variante 1898:

    Die Steuerung ist leider etwas grausam ausgefallen. Was jede Shareware-Software zusammenbringt, Einheiten mit einfachem Ziehen einzugeben, wurde hier mit einem schlecht reagierendem Menü gelöst, das man oben sieht.

    Auch ist die Diplomatie nicht gut gelöst. Es hat mich viel Geduld gekostet, ein diplomatisches Angebot zu machen. Der Ablauf ist einfach nicht logisch.

    Hier sieht man zuerst die Herrscher. Manche verschwinden mal kurz auf einen Plausch, dann ist der Sessel leer. Man kann auch selbst einen "Raum eröffnen" und dorthin Gegner einladen, um ihnen dann einen Vorschlag zu unterbreiten.

    Meist braucht man zu lange, um eben diesen Vorschlag zusammenzuklicken. Dann hat der Eingeladene bereits den Raum wieder verlassen.

    Ein Vorteil dieses Spieles ist, daß man per Internet, per Mail und die Variante Hot Seat spielen kann. Das Produkt kann sogar als Judge herhalten. Hot Seat bedeutet, daß alle menschlichen Spieler nacheinander denselben Computer zur Zugeingabe verwenden. Ehrlich gesagt, wenn ich schon ein paar Freunde habe, die mich zum Diplomacyspielen besuchen, werde ich eher das Brettspiel herauskramen. Eigentlich eine tolle Sache, die verschiedenen Varianten und Spielmöglichkeiten. Leider ist die KI einfach schlecht und die Art der Zugeingabe gefällt mir nicht. Ganz abgesehen von der Diplomatie.

    Vielleicht gibt es ja mal eine Version 2. Ich rate Avalon Hill sehr dazu, einen echten Diplomacy Spieler beizuziehen und einige hundert Partien zu analysieren, um die KI halbweg sinnvoll zu machen. Ich biete hiermit Avalon Hill an, daß ich ihnen beibringe wie sowas geht. Ich würde es sogar kostenlos machen, wenn wir dann endlich ein gutes Diplomacy-Computerspiel kaufen dürften.


    Zum Abschluß noch die jeweiligen Siegesmeldungen.

    Bei der CGA Variante habe ich mir nichts erwartet.

    Beider C64-Variante wird wenigstens die Fahne hochgezogen. Man fühlt sich geehrt!

    Bei der Windows Version ist DAS alles! Entäuschend, oder?

     

    Programme ohne KI

    Derer gibt es viele, daher nehme ich aus der Masse die zwei Beliebtesten heraus.


    Realpolitik V. 1.6.6:

    Die Software ist Freeware und man kann sich den Sourcecode downloaden (http://realpolitik.sourceforge.net).

    Das ist sicherlich der Varianten-Kaiser. Es gibt hier Colonial, Ancient Mediterranean, Sengoku, usw. Und wenn das alles nicht reicht, kann man sich etwas engagieren und selbst eine Variante machen. Die Bedienung ist einfach und sie zeigt vor allem die Züge auf der Karte mit Pfeilen an. Vor allem die Grafik ist nicht jedermanns Sache. Da ist das nachfolgende Diplo klar voran.

    Wer Varianten auswerten will, kommt aber an Realpolitik nicht vorbei!


    Diplo V. 2.8.2

    Ebenfalls Freeware und auch hier ist der Sourcecode erhältlich (http://www.geocities.com/bogdanfl/Diplo.html).

    Der Klassiker für menschliche Spielleiter. Es ist einfach zu bedienen und man kann die Karten wunderbar verfremden. Ich selbst färbe gerne die Ländern nach Besitzern ein, das gibt einen schnelleren Überblick für die Spieler. Man sieht gleich, wenn eine Einheit in einem fremden Land einmarschiert ist. Varianten sind aber leider nicht die Stärke von Diplo.

    Hier ein paar Karten aus Diplo:

    Hier eine Variante mit topographischer Karte als Hintergrund.

    Oder hier eine andere Variante mit anderen Einheiten. Die Länder sind je nach Besitzer (allerdings nachträglich von Hand) eingefärbt worden.

    Wie gesagt, so sieht das nicht in Diplo selbst aus, aber da viele Spielleiter nachträglich einfärben, wollte ich auch das aufzeigen.


    Es gibt noch viele andere Programme, und ich kann hier leider nicht alle erwähnen. Aber ich möchte allen Programmierern für ihren Aufwand danken. Hier stecken viele Leute ihre Freizeit in dieses Hobby. Die Ergebnisse sind wirklich gut und zeigen, daß Enthusiasmus viel bewirken kann. Ich hoffe, daß irgendwann jemand eine Version für Palm oder Pocket PC macht. Am liebsten eine gute Kombination aus der Variantenvielfalt von Realpolitik und Diplos grafischen Verfremdungsmöglichkeiten - und natürlich mit großartiger KI ! ;-)

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