Diplomacy in Deutschland
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von Timo Müller (timo4@gmx.de)

Anmerkung: Dies ist die Übersetzung des Artikels, den ich selbst für die "Fall Movement"-Ausgabe 2002 des internationalen Pouch geschrieben habe, um die deutsche Diplomacy-Szene vorzustellen. Das Original findet sich dort.

Da die meisten Spieler aus englischsprachigen Ländern kommen, ist englisch die wichtigste Sprache im internationalen Diplomacy. Aber es gibt ein anderes Land, in dem man buchstäblich tausende begeisterte Diplomacyspieler findet: Deutschland. Es ist schwer zu sagen, woran das liegt. Vielleicht an den vielen Dialekten, die sich hervorragend für Geheimniskrämerei eignen - für einen Berliner ist es beinahe unmöglich, einen stolzen Bayern zu verstehen - oder einfach an der Tatsache, daß Bismarck schließlich die ganze Sache erfunden hat. Jedenfalls gibt es so viele Spieler, daß sich, seit es das Internet gibt, eine echte Diplomacy-Gemeinschaft entwickelt hat. Um zu zeigen, was im Land der gefährlich aussehenden schwarzen Steinchen wirklich passiert, möchte ich hier die interessantesten Dinge vorstellen, die im deutschen Diplomacy in den letzten Jahren passiert sind.

Der deutschsprachige Diplomat (Österreicher und Schweizer eingeschlossen) kann sein Hobby auf zwei großen Websites ausüben: Ludomaniac und Lepanto.de. Dirk Hammanns Ludomaniac ist nach Cat23 die zweitgrößte Judge-freie Diplomacyseite der Welt; dort sind etwa 1300 Spieler registriert. Seit dem Start 1996 ist es stetig gewachsen. Heute werden etwa 100 E-Mail-Partien und mehr als 15 verschiedene Varianten angeboten. Die Partien werden von "echten" Spielleitern ausgewertet, und über die Jahre ist ein Gefühl von Gemeinschaft zu Ludomaniacs Markenzeichen geworden. Die Spieler diskutieren in mehreren Foren über Diplomacy, organisieren FTF-Partien und haben die Möglichkeit, sich in einer Datenbank, in der jedes Spiel eingetragen und ein Highscore ausgegeben wird, mit anderen Spielern zu vergleichen. Ludomaniac bietet außerdem Partien an, die nur solchen Spielern zugänglich sind, die einen Identitätsnachweis erbracht haben.

Lepanto.de wurde 1997 von Dietmar Kulsch ins Leben gerufen und ist die Heimat des drittgrößten Diplomacy-Judges der Welt, DEAC, auf dem hauptsächlich Partien in deutscher Sprache angeboten werden. Zusammen mit drei kleineren Judges bietet Lepanto.de zur Zeit über 150 Partien an, darunter einige Varianten, die sonst nirgendwo gespielt werden können (1847, Karibik, Duo). Viele Spieler sind auf beiden Websites registriert, obwohl es manchmal heiße Diskussionen gibt zwischen denen, die den schnelleren und zuverlässigeren Judge bevorzugen und denen, die ihn für zu kompliziert halten.

Seit 1997 finden sich die deutschen FTF-Diplomacyspieler einmal im Jahr bei der DipCon zusammen, einem viertägigen Treffen, das von André Ilievics organisiert wird. Ungefähr 40 Teilnehmer stürzen sich in Verrat und Geheimniskrämerei, aber auch in Bier und nächtelange Parties. In diesem Herbst wird im Rahmen der DipCon die erste deutsche FTF-Meisterschaft ausgetragen. Das Turnier steht auch Spielern offen, deren Muttersprache nicht deutsch ist - schließlich war schon auf der allerersten DipCon ein amerikanischer Spieler zu Gast. Da das Treffen immer mehr Zuspruch findet, plant André zur Zeit eine European DipCon, die in Frankfurt stattfinden wird.

Im vergangenen Jahr organisierte Bernd Wittmann, einer der erfahrensten deutschen Spielleiter, die erste deutsche Meisterschaft im E-Mail-Diplomacy. Sie war ein großer Erfolg, so daß bald beschlossen wurde, das Turnier jedes Jahr auszutragen. In diesem Jahr gab es 159 Teilnehmer. Die Besten der ersten Runde zogen ins Halbfinale ein. Interessanterweise gewann jedes der sieben Länder genau ein Halbfinale, so daß wir uns auf ein sehr spannendes Finale freuen dürfen. Es hat vor einigen Wochen begonnen und ist inzwischen im Jahr 1902. England und Österreich sind in einer schlechten Position, aber es ist schwierig, Vorhersagen zu treffen, da sich die Bündnisstrukturen beinahe jeden Zug ändern. Hasbro Deutschland hat Preise gestiftet für die besten Spieler und den besten Spielleiter, der von allen Teilnehmern gewählt werden wird.

Bis vor zwei Jahren konnten deutsche Spieler, die sich für Strategie interessierten, kaum Informationen in deutscher Sprache bekommen, da englischsprachige Zeitschriften die einzige Informationsquelle waren. Deshalb fragte ich Manus Hand (den damaligen Chef des internationalen Pouch, A.d.Ü.), ob ich einige Artikel aus dem Pouch und seinem Archiv übersetzen dürfte. Er hielt das für eine gute Idee, und so war der Deutsche Pouch geboren. Mit der Unterstützung einiger anderer Diplomaten, die englisch sprechen, habe ich seitdem eine Ressource für Artikel über Strategie und Diplomacy im Allgemeinen aufgebaut. Inzwischen umfaßt der deutsche Pouch über 50 übersetzte Artikel, eine Handvoll Artikel, die von deutschen Spielern geschrieben wurden, sowie ein Lexikon, das englische Begriffe wie "bounce" oder "juggernaut" erklärt. Edward (Hawthorne, der Chef des internationalen Pouch, A.d.Ü.) und ich haben vor, einige der deutschen Artikel ins Englische zu übersetzen, so daß wir über die Sprachgrenze hinweg unsere Gedanken über das Spiel austauschen können.

Das war also eine kurze Darstellung der Dinge, die im deutschen Diplomacy so passieren. Ihr werdet hoffentlich in zukünftigen Ausgaben noch mehr von uns hören. Falls ihr nähere Informationen wollt oder an einer deutschsprachigen Diplomacypartie teilnehmen möchtet, besucht unsere Websites oder schreibt mir.

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